Frieden mit der Wissenschaft

Es sind fast schon wissenschaftliche Banalitäten, dass man es mit einer anderen Theorie versuchen sollte, wo man mit der bisherigen nicht weiterkommt, und: Je mehr Theorien in den Versuch einbezogen werden, desto wahrscheinlicher ist das Weiterkommen. Für die derzeit medial propagierte ‚Friedens‘politik gilt das leider nicht. Sie ist wertebasiert, nicht evidenzbasiert und kennt nur eine Richtung: Schießen und Nachladen. Halsstarrig verschließen sämtliche Leitmedien die Augen davor, dass Trümmer und Tote im Donbas uns täglich vom Frieden weiter entfernen.

Wer mag es aber den Medien verübeln, wenn sie in ihrem führungserwachten Fanfarenmilitarismus „Im Felde Seit‘ an Seit‘ und in der Zeitung Seit‘ um Seit‘“ selbst auch noch von der Wissenschaft bestärkt werden? In Europa, genauer in Teilen Europas, verfolgen Wissenschaftsorganisationen sämtlicher Couleur derzeit tatsächlich eine beispiellose Amputierung der Wissenschaft, indem sie ausgerechnet den Begriff von Wissenschaft entleeren, der bislang einhellig mit dem sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg dieser Länder untrennbar verbunden war.

Noch nie zuvor hat die Wissenschaftsfreiheit in Form staatlicher Eingriffe solch einen Schaden genommen, wie seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine: Wissenschaft ist nicht länger frei von Vorurteilen, auch nicht länger frei von Staatsgrenzen und Nationalitäten; und Geheimhaltung gilt nicht länger als wirksamste Bremse ihres Fortschritts. Allein vom CERN werden Hunderte von begutachteten Studien nicht veröffentlicht, weil russische Einrichtungen an ihrer Erstellung beteiligt waren. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat jegliche Zusammenarbeit mit Russland auf Eis gelegt und ist damit nicht allein. Ihre Gegenstücke in Großbritannien, Österreich, Holland, Belgien, Finnland, Schweden und Norwegen haben ähnlich lautende Beschlüsse gefasst.

Im Gleichschritt verurteilen die Unesco-Nationalkommissionen dieser Staaten, und 32 weitere, Russland für den Angriffskrieg auf ihren Internetseiten, auf denen Besucher:innen unübersehbar mit #StandWithUkraine begrüßt werden. Demnach verbleiben auf der anderen Seite 153 Mitgliedsstaaten, die sich, wie die Unesco selbst, einer Parteinahme – bislang – enthalten und stattdessen um den Schutz von Bildungs- und Kultureinrichtungen in der Ukraine bemüht sind. Es bleibt hierzulande also zu hoffen, dass diese – respektable – Mehrheit an Staaten sich weiterhin einer Wissenschaft verpflichtet fühlt, die nicht nur dem Alten Europa als Mittel diente zu gegenseitigem Verständnis und Respekt sowie zur Stärkung der intellektuellen und moralischen Solidarität der Menschheit.

Gründen lässt sich diese Hoffnung auf die Stellungnahme des Internationalen Wissenschaftsrates (ISC), dem Dachverband von über 200 nationalen und internationalen Wissenschaftsvereinigungen, zum Krieg in der Ukraine. Darin heißt es in einer Klarheit, die nichts zu wünschen übriglässt: „Die Isolation und der Ausschluss einzelner Wissenschaftsgemeinden schadet allen.“ Präziser könnte man die aktuelle Selbstdemontage der Wissenschaft in Europa nicht auf den Punkt bringen. Der ISC verweist zu Recht darauf, dass gerade in Zeiten des Krieges die Wissenschaft sich bislang darin bewährt hat, den Kombattanten für Friedensverhandlungen eine neutrale Bühne zu bereiten.

Dabei nimmt die Wissenschaft gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Institutionen im Krieg allein schon schwere Schäden genug. Man mag diese Schäden bedauern, weil mehr Wissenschaft bei der globalen Ratlosigkeit angesichts der globalen Herausforderungen nötiger wäre denn je. Ein mindestens so großer Schaden liegt jedoch in der mit Wissenschaftssanktionen verbundenen Aushöhlung der Demokratie. Wissenschaft und Demokratie sind nicht nur historisch, sondern auch logisch gleichursprünglich: Jede Autorität steht unter Vorbehalt, jede ihrer Entscheidungen darf in Frage gestellt werden.

Beide, Wissenschaft und Demokratie, haben experimentellen Charakter: Demokratie ist die versuchsweise Machtausübung, die unter dem Vorbehalt der Willensbildung aller steht, und Wissenschaft ist die versuchsweise Wissensvermehrung, die unter dem Vorbehalt des Irrtums steht. Dies impliziert, dass weder Wissen noch Herrschaft jemals abgeschlossen oder ‚fertig‘ sind in dem Sinne, dass sie nicht durch anderes Wissen, durch andere Herrscher:innen ersetzt werden könnten. So wenig Wissen der Wissenschaft gegeben als vielmehr aufgegeben ist, so wenig ist Demokratie demokratischen Staaten gegeben. Demokratische Entscheidungsstrukturen müssen sich bewähren und weiterentwickelt werden – und zwar gemeinsam.

So böte gerade eine Betonung der Vorbehaltlichkeit staatlicher Konfliktlösungen, die der Mut eint, neue Wege des Zusammenlebens auszuprobieren, möglicherweise die Aussicht auf einen gangbaren Weg zum Frieden in der Ukraine, statt sich auf eine militärische ‚End‘-Lösung zu versteifen. Dann ließe sich aus der gegenseitigen Abhängigkeit der Staaten voneinander die Verantwortung aller Staaten füreinander ableiten, statt sich gegenseitig in die Isolation zu treiben, dann würde man die vielen Gemeinsamkeiten hervorheben, statt sich anhand der wenigen Unterschiede für etwas Besseres zu halten. Wer wirklich Frieden in der Ukraine will, der sollte gemeinsame Ziele und Werte benennen, die alle Beteiligten teilen, statt nach der Schuld beim jeweils anderen zu suchen. Alles andere wäre ein folgenschwerer Rückfall in Dogmatik und Nationalismus.