Auch du, Wissenschaft?

Eine in dieser Vehemenz beispiellose Leidenschaft der politischen Agitation geht durch alle gesellschaftlichen Schichten vom Krieg in der Ukraine aus, zumindest seit dort Russland einmarschiert ist. Zwischen Kiew und Moskau wütet eine Schlacht, die zusehends die Züge eines Heiligen Krieges annimmt. Hinterfragt dürfen die kriegerischen Handlungen längst nicht mehr werden. Wer es auch nur im Ansatz wagt, eine nüchterne Analyse vorzutragen, wird sofort der Parteinahme für den belligerenten Aggressor bezichtigt. Und damit ist die Diskussion beendet. Angeblich gilt das auch für Wissenschaftler:innen. Zumindest will uns das das Internetportal BusinessScience mit einer online-Umfrage glauben machen.

„Die meisten Forscher Europas unterstützen Wissenschaftssanktionen gegen Russland“, lautet großspurig der Titel, den das Portal seiner Umfrageauswertung vorangestellt hat. 70 Prozent stünden hinter Bestrafungen Russlands auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forschung. Wer genau liest, erfährt, dass sich gerade einmal 240 Personen an der online-Umfrage beteiligt haben – 240 Personen, die sich selbst als Wissenschaftler:innen einstufen. 78 davon sind nach eigenen Angaben Ukrainer:innen, und 10 Russ:innen. Verbleiben noch 152 neutrale Teilnehmer:innen, von denen letztlich 94 die Sanktionen befürworten. Das wären dann immerhin doch noch stolze 62 Prozent!

Bezeichnend für diesen hohen Anteil an Sanktionsbefürworter:innen ist, dass die Wissenschaftler:innen sich nur unwesentlich unterscheiden vom Rest der Bevölkerung, aus der 419 Personen rekrutiert wurden. Von denen unterstützen 289 Personen (69 Prozent) die anti-russischen Wissenschaftssanktionen. Plusminus 5 Prozent Unterschied! Endlich einmal scheint man sich in Europa nicht nur durch alle Schichten einig zu sein, nein es wird die Einigkeit darüber hinaus auch noch mit eineinmütiger Leidenschaft verfochten. So gab ein:e Forscher:in aus Deutschland zu Protokoll: „Freie Forschung braucht freie Menschen und einen freien Geist (mindset)! Keine Zusammenarbeit mit Diktatoren, Autokraten und Nationen, die die Menschheit (humanity)(sic!) nicht respektieren.“ (Ausgenommen sind vermutlich die Autokrat:innen, die vom Lehrstuhl aus ihre universitären Fürstentümer unterjochen; denn wurden nicht Juniorprofessuren auch aus eben dem Grunde eingerichtet, weil es hierzulande an Freigeist in der Forschung an allen Ecken und Enden mangelt?)

Wissenschaft, auch du! „Alle Beziehungen zu Russland gehören eingestellt, weil es ein terroristischer Staat ist“, kommentiert ein:e Kollege:in aus Frankreich. Jawohl! Ter-roristen! Darin knattern und knallen die Rs nur so vor Verachtung. Das Wort kommt gelesen wie gesprochen so unmissverständlich martialisch daher, dass gar niemand gar nicht erst auf den Gedanken präzisierender Erörterungen, geschweige denn Verhandlungen verfallen kann. Und das aus dem Mund eine:r Forscher:in, aus einem Land, in dem der Terror einst umwillen der Demokratie um sich gegriffen hat.

Bemerkenswert aber ist aus der Sicht der Autor:innen die differenzierte Sicht der Studienteilnehmer:innen auf Institutionen und Individuen. So seien einerseits mindestens 70 Prozent für eine Beschneidung von Wissenschaftsprogrammen, an denen russische Forschungseinrichtungen – also in erster Linie die Akademien Russlands – beteiligt sind, und sie sind auch für ihr Herausdrängen aus der globalen Forschungsinfrastruktur – sprich aus CERN, EMBL usw. Andererseits wollten nur 37 Prozent, dass die Sanktionen nicht auf individuelle Forscher:innen durchschlagen, und nur 32 Prozent wollten Fachzeitschriften und wissenschaftlichen Datenbanken von russischen Beiträgen säubern – vermutlich rückwirkend bis 1918.

Nur? Jede:r dritte Wissenschaftler:in bringt sich freiwillig um den Austausch, ja um das Wissen Dritter, verzichtet also auf die wesentlichen Treiber wissenschaftlichen Fortschritts, nur um – ja, warum eigentlich? Aus Gesinnungsgründen, den Gesinnungsgründen von Freigeistern? Nur 30 + x Prozent!! Das hört sich doch an, als tolerierte eine:r von drei Europäerinnen Tafeln mit der Aufschrift ‚Russen müssen draußen bleiben‘ oder ‚Forscht nicht mit Russen‘, so als hätte es in Europa eine aufklärerische Bildungsreform nie gegeben, ja, fast so als würden ’nur‘ 0,1 Prozent der heutigen Wissenschaftler:innen noch an Hexen glauben. Unglaublich! Ein Drittel!! – Moment, hier geht es lediglich um 140 Personen! Die nämlich sind, wenn man genau liest, ein Drittel der Stichprobe aus der Zivilbevölkerung!

Das ist keine Entwarnung, kommt aber einer absichtlichen Irreführung ziemlich nahe. Denn nach der Differenzierung, heißt es im Text von BusinessScience, sei die gesamte Grundgesamtheit (whole population) gefragt worden, wohlgemerkt, die der 419, nicht der 240 Umfrageteilnehmer:innen (respondents). Dass hier Grundbegriffe der Statistik quer stehen, mag sich kaum strafmildernd auswirken. Allenfalls leidet die Glaubwürdigkeit der ganzen Studie mit ihrem tendenziösen Titel darunter. Damit korrespondiert zumindest die unmotivierte Verwechslung von Repräsentativität mit Signifikanz.

Derlei publizistische Schlamperei überrascht, stehen BusinessScience doch erfahrene Wissenschaftsjournalisten vor. Wären daher valide Auskünfte das Ziel der Veröffentlichung, hätten die Verantwortlichen solche Unstimmigkeiten sicher vor der Veröffentlichung beseitigt. So bleibt die Studie bis auf ihre zentrale Aussage dubios. Die Aussage haben wir verstanden: Die Reihen sollen sich schließen! Für ein Sollen aber ist entscheidend, was veröffentlicht werden soll – und wann: für nächste Woche ist schon eine Fortsetzung der Umfrageauswertung angedroht.