Verdummen für den Frieden

Die neue Außenwissenschaftspolitik des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) lässt tief blicken. Denn die allgegenwärtige Wendezeit bringt eine Wissenschaftswende mit sich, deren Gewandt sich vom geläufigen Bild der Wissenschaft insofern abhebt, als sie wertebasiert sein soll und interessengeleitet, und die sich noch dazu instrumentalisieren lässt zu höheren Zwecken – also den unverhandelbaren Werten, zu denen Wissenschaftler:innen sich bekennen und ehrfürchtig aufschauen müssen; ja, müssen, denn von alleine tun sie’s offensichtlich nicht. Das, lässt der DAAD reumütig verkünden, sei ein Ergebnis seiner Analyse der alten Außenwissenschaftspolitik. Und in deren Zentrum stand ja noch eine zweck- und wertfreie Wissenschaft. Um die ist’s nun geschehen.

Befördert habe die Ansicht (mir widerstrebt ‚Einsicht‘ an dieser Stelle zutiefst) die „systemische Rivalität mit China“. China! China also wird perspektivisch der Schauplatz der neuen deutschen Außenwissenschaftspolitik sein, spätestens dann, wenn der eigentliche Auslöser für den internationalen Wissenschaftswandel, also Russland, erst einmal völlig kaputtsanktioniert ist. Schließlich haben wissenschaftliche Kooperationen und der Austausch von Daten und Personen nicht dazu beigetragen, die russische Politik zu liberalisieren. Wer aber hätte auch gedacht, dass die Auslandsreisen von Studierenden konzipiert sind als verdeckte Kreuzzüge, dass die Missionierung des Gastlandes Teil der ganzen Abmachung ist?

Nicht nur, dass der DAAD widerstrebend zur Kenntnis nimmt, dass auch russische und chinesische Wissenschaftler:innen – selbst in ihren Heimatländern – zu ganz passablen Erkenntnissen kommen, obwohl da doch das Denken mit der ideologischen Schere zensiert wird! Nein, er hat auch die Wirkmächtigkeit westlicher Werte in der globalen Konkurrenz völlig überschätzt. Nicht, dass die per se schlecht wären, das sei ferne; aber wer hätte denn auch ahnen können, dass Staatsgrenzen keine osmotische Membran darstellen, durch die Werte nur von West nach Ost diffundieren können? Das verlangt, schreit geradezu nach einer geopolitischen Korrektur!

Und hey: wenn unsere vom DAAD instruierten Wissenschaftler:innen mit ihren angestaubten Hausmitteln gegen politisches Röteln im Bauchladen hausieren gehen, dann hat das natürlich nicht das Geringste zu tun mit aggressivem Kulturimperialismus. Imperialisten, das sind die Anderen, die hinter der Membran. Denn die sogenannte systemische Rivalität besteht natürlich in der ideologischen Konfrontation des kapitalistischen Neoliberalismus mit dem imperialistischen Sowjet-irgendetwas. Diesbezüglich sind der Worte schließlich genug gewechselt. Jetzt ist die Wende, mithin es an der Zeit für Taten bzw. Sanktionen oder zumindest für Drohungen! Sonst usurpieren die, die, … na, die Anderen eben, auch noch die Wissenschaft. Das wär‘ ja nochmal schöner! Selberdenken, Methoden und Experimente – gehört nämlich alles uns, ätsch! Schon mal was von Urheberrechten gehört, hä? Sonst fangen die noch an, die Anderen, unsere Erkenntnisse dual zu usen. Dann gibt’s Krieg!

So nämlich steht’s beim DAAD zu lesen. Wortwörtlich: „Wissenschaft [kann] zumindest in bestimmten Disziplinen auch mit eingeschränkter akademischer Freiheit und ohne partizipatorische Struktur erfolgreich betrieben werden“. Hört, hört! Wenn sich das mal rumspricht! Und was folgt daraus? Kommt Ihr nie drauf: Die „entsprechende Instrumentalisierung von Wissenschaft zu geopolitischen Zwecken“! Und das ist noch nicht einmal die Spitze der avisierten Drohungen, reicht aber für sich schon locker aus, hinreichend Misstrauen (O-Ton „Abschreckung“) zu säen, sodass ein Forschungsaustausch, so er denn überhaupt noch zustande kommt, weniger ergiebig ausfallen dürfte.

Damit ist eines klar: Wissenschaft vom alten (preußischen) Schlage wird es nicht mehr geben, auch lange über das Ende des Ukraine-Krieges hinaus nicht, zumindest nicht mit dem DAAD. Dabei leitet er sein Strategiepapier ‚Außenwissenschaftspolitik für eine multipolare Welt‘ mit einem Halbsatz ein, der so richtig ist, dass er an dieser ebenfalls in Form eines vollständigen Zitates gewürdigt werden soll: „Internationaler akademischer Austausch und internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit sind in diesen Zeiten dringlicher als je zuvor“. Wie wahr! Mehr davon wäre wünschenswert gewesen, und auch erwartbar; steht im Titel des misslungenen Papiers doch der Begriff, mit dem ein russischer Philosoph die geopolitische Situation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu beschreiben versucht, gerade um Außenstehenden die russische Außenpolitik im 21. Jahrhundert verständlich zu machen. Dazu fehlt es beim DAAD leider schon an der Bereitschaft.