Das Wagnis wissenschaftlicher Kooperationen mit China

Die Europäische Kommission tut gut daran, die anvisierte Forschungskooperationen mit China auf den Prüfstand zu stellen. Genauer: sie täte gut daran. Denn statt, wie man es bei Kooperationen erwarten würde, beide Seiten zusammen auf den Prüfstand zu hieven, soll nur das chinesische Wissenschaftssystem durchleuchtet werden. Dabei könnte die Perspektive der aufgehenden Sonne durchaus erhellendes Licht auf die europäische Forschungspraxis werfen. So viel Aufklärung will man aber in Brüssel nicht wagen. Immerhin: einseitige Bedingungen für die Kooperation will die Kommission nicht aufstellen – jedoch von einer Selbstkritik ist sie noch Äonen entfernt.

Kooperationen in den Wissenschaften sind, entgegen dem von ihnen selbst geschaffenen und gehegten Mythos der Kooperativität als berufsethische Pflichtübung, alles andere als Standard. Kooperationen müssen politisch angebahnt werden – und das aus deutscher Sicht auch nur äußerst widerwillig. Dafür steht beispielhaft die scheidende Kanzlerin, bei der man verbindliche Überzeugungen bis zum Schluss vergeblich sucht, mit ihrer Bemerkung, dass sie eine völlige Abkopplung vom chinesischen Wissenschaftsraum nicht für richtig halte. Richtig kann zwischen beiden Kontinenten folglich nur ein bisschen Kooperation sein, und zwar auf dem Niveau einer marktkonformen Wissenschaft. Denn so viel steht vor den Verhandlungen schon fest: Die (Markt-)Freiheit der Wissenschaft ist mit Europa nicht verhandelbar! Darum müssen die Chines:innen endlich kapieren, dass geistiges Eigentum proprietär geschützt und durchgesetzt werden muss! Jawohl! So als könne der asiatische Phönix sich mit Blei an den Füßen in die Lüfte erheben!

Dass Patente der Hemmschuh der Wissenschaft sind, dass es die Urheberrechte sind, die die Forschungsfreiheit am stärksten beschneiden, wird geflissentlich ignoriert. Beim Copyright setzen selbst die Neoliberalen auf Patronage und Protektionismus statt auf freien Wettbewerb, nur, um dem wissenschaftlichen Vorsprung aus der Zeit des Kolonialismus noch eine, wenn auch noch so magere, Rendite abringen zu können. Erinnert sei historisch an den glanzvollen Siegeszug der britischen Industrie, nachdem selbige sich hinter ihren Patenten verschanzt und dem teutonischen Emporkömmling das Kainsmal ‚Made in Germany‘ aufgeprägt hatte. Anknüpfend an diese historisch-heroischen Erfolge bezahlen Universitätsbibliotheken jährlich Milliarden an Verlage, um ihre Forscher:innen auf einen möglichst aktuellen Stand der Forschung zu bringen. Und wer heute an Genen, einem Gewebe oder pharmazeutischen Wirkstoffen forschen möchte, muss sich (teuer) Lizenzen von Kolleg:innen oder von Unternehmen besorgen – wenn er sie überhaupt bekommt; denn das Patentrecht ist ja gerade so gestrickt, dass es dem Rechteinhaber erlaubt, Anderen die Nutzung seines Patentes zu verbieten. Ein Privileg, das natürlich nur im Dienste der Freiheit einer egalitären und kooperativen Wissenschaft steht.

Bei so viel gelebter Wissenschaftsfreiheit ist doch wirklich keinem zuzumuten, das Staunen zu begreifen, das chinesische Wissenschaftler:innen darüber erfasst, dass ihre westlichen Kolleg:innen so frei sind und ihre Forschungsergebnisse regelmäßig zurückhalten. Wo kämen wir auch hier hin, wenn wir die mit allen teilten? Kooperation statt Konkurrenz? Das wäre ja der reinste Kommunismus! Und mit dem Kommunismus will heute ja niemand mehr zu tun haben, auch wenn ihn schon vor einem halben Jahrhundert der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton als eine der vier Kardinalstugenden des wissenschaftlichen Ehrenkodexes benannt hat. Schließlich ist die neoliberale Vermarktung alternativlos, auch in der Wissenschaft. Da muss man schon vorsichtig sein; schließlich lassen sich wissenschaftliche Kooperationen politisch instrumentalisieren –natürlich nicht von den Liberalen, sondern nur von den Kommunist:innen.

Völlig abkoppeln wäre in der Tat nicht richtig. Schon allein weil die ideologisch verblendeten Wissenschaftler:innen aus China weiter auf dem Vormarsch sind, sie mit ihren Universitäten und Forschungseinrichtungen in internationalen Rankings Spitzenplätze belegen und jährlich immer mehr ihrer Mitglieder zu den weltweit einflussreichsten und meistzitierten Forscher:innen zählen. Von der Ausstattung und Förderung, die wissenschaftliche Institutionen im Land der Mitte erhalten, kann manche Exzellenzuniversität in Deutschland nur träumen. Aber das ist, man ahnt es, Geld von den Falschen. In China wird bekanntlich nur die Konformität zum von der Partei vorgegebenen Kurs belohnt. Schließlich wird von chinesischen Wissenschaftler:nnen tatsächlich verlangt – man wagt es kaum auszusprechen, man stelle sich nur vor! –, dass sie zur Lösung praktischer Fragen und zum gesellschaftlichen Wohlstand ihres Landes beitragen. Das ist unsäglich unerhört, wo doch längst erwiesen ist, dass den europäischen Forschungsstandort die Di-Mi-Do-Professor:innen nach vorne gebracht haben, die ihr Steckenpferd gnadenlos und ungerügt zuschanden geritten haben. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von den konzilianten Freiheiten eines staatlich subventionierten Irrenhauses, wir reden von guter Forschungspraxis und einem Musterbeispiel wissenschaftlicher Integrität, die China leider leider nicht verbürgen kann. Dort (er)regiert der Staat zu viel rein.

Dennoch schaut man vom Okzident neidisch nicht nur auf die Reichtümer orientalischer Hochschulen. Auch das außerordentliche Humankapital (als potentieller Hofstaat für einen westlichen Lehrstuhl?) dort wird hier gepriesen ebenso wie die Aussicht auf riesige Datensätze, deren Zustandekommen weder hier noch dort auf irgendwelche legitimatorischen Vorbehalte stößt. Die Daten jedenfalls, wo sie doch nun mal da sind, würden wir schon ganz gerne teilen (zwei Likes und ein zwinkerndes Smiley). Deshalb lassen wir uns auch zu der Auszeichnung der chinesischen Wissenschaft als „partieller Weltklasse“ (ein paar Perlen im Saustall?) herab. Wenn da bei den Brüsseler Unterhändler:innen weiters von qualitativen und normativen Bedenken die Rede ist, dann versteckt sich dahinter doch ganz unverblümt die paneuropäische Sorge, wie wir den chinesischen Forschungsaufschwung am besten ausbremsen können.

Im Grunde ist diese Frage schon die Präambel zur Kapitulation, wie man sie schon aus der Bejing Declaration on Basic Science zwischen der chinesischen und der deutschen Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 2019 herauslesen kann. Dass das Papier in chinesischer und in englischer Sprache verfasst wurde, sagt schon viel über das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit beider Institutionen aus. Letzte Zweifel beseitigt Umstand, dass dem jeweiligen Selbstverständnis nach die Deklaration ausdrücklich zwischen der ältesten Akademie im Westen und der stärksten Akademie im Osten abgeschlossen wurde. Eine Deklaration im Übrigen, in der beide Seiten sich darauf verpflichten, die Kräfte von Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften zum Nutzen der Gesellschaft zu bündeln, um eine Konvergenz der Disziplinen für eine nachhaltige Entwicklung im Zusammenleben auf dem Planeten zu erreichen. Vorausgeschickt wurde dem, so als hätte es das noch gebraucht, das taoistische Bekenntnis zum Nutzen des Nutzlosen

Wer will es da dem Staatspräsidenten Xi Jinping verübeln, dass er, wissenschaftliche und technologische Innovationen als entscheidende Produktionsfaktoren auf dem Weltmarkt identifizierend, bis 2035 die Führungsposition auf zehn Hochtechnologiefeldern innehalten und bis 2050 die Nummer eins in Wissenschaft und Forschung auf der Welt sein möchte? Das ehrgeizige Ansinnen stört von der Warte der Wissenschaft doch nur, weil es nicht ganz unrealistisch ist. Und natürlich, dass nicht wir es sind, die das trotz aller Exzellenzanstrengungen von sich behaupten können. Daher wird flugs hinterhergeschoben, dass Xi Generalsekretär der Kommunistischen Partei ist, um neben der Drohkulisse der gelben Gefahr (nein, nicht die FDP!) noch die Rückfalloption auf die rote Gefahr zu eröffnen.

Da waren wir, ehrlich gesagt, schon weiter. Die chinesische und die deutsche Akademie der Wissenschaften verstanden sich als Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die ein Klima des gegenseitigen Vertrauens schafft. Dazu ist manchmal an Vertrauensvorschuss nötig. Auch in Sachen Wissenschaft. Und dazu gehört, dass man auch die eigenen Forschungsgepflogenheiten mit auf den Prüfstand stellt, wenn man das Unerlässliche vorhat: zu kooperieren.