Unwissenschaftliches Nachdenken über Corona

Es überrascht, überrascht außerordentlich, dass ausgerechnet auf den ausgerechnet von Albrecht Müller begründeten NachDenkSeiten, die für sich selbst beanspruchen, eine Bastion kritischen Graswurzel-Journalismus zu sein, zum Sammelbecken werden für Menschen, die derzeit Impfungen gegen den Covid19-Virus vehement ablehnen. Da wird in aktuellen Beiträgen selbst dem Deutschen Ethikrat, einer „pervertierten Institution“, deren Mitglieder „Brandstifter“ seien, die in einem „repressiven System“ „faschistisches Gedankengut“ propagierten, mal eben die Mitwirkung an einer konzertierten Angstkampagne unterstellt, um dessen geistige Unabhängigkeit infrage zu stellen. – Alles von der Meinungsfreiheit gedeckt, keine Frage. Aber ist Meinung schon Kritik? Und ist nur die Meinung gegen die Mehrheitsmeinung kritisch? Möchten die Seitenbetreiber ernsthaft glauben machen, derlei Äußerungen wären das Resultat von Nachdenken?

Selbst wenn man das zugesteht, befördern die Einlassungen doch eine kritische Auseinandersetzung mit der Pandemie und ihrer Bewältigung nicht gerade. Was ganz offensichtlich fehlt, ist das Zugeständnis, dass diejenigen, die sich impfen lassen und eine Impfpflicht befürworten, zu ihrem Entschluss gleichfalls durch Nachdenken gekommen sein könnten. Stattdessen gilt jede Unterstützung, jede Form der Kooperation als unreflektierte Unterwerfung unter das Diktat böswilliger oder unfähiger Regierungsverantwortlicher, die mit ihren Verordnungen „unzulässigerweise“ die Grundrechte aller Bürger und Bürgerinnen in allen Ländern und Staaten beschneiden. So verständlich die Klagen darüber sind, so wenig tragen sie doch dazu bei, die Seuche in den Griff zu bekommen. Sie sind Trotz und keine Kritik.

Immerhin, dem Gemeinwohlökonomen Christian Felber gelingt es in seinem Beitrag, sich insofern kritisch abzuheben, als er seine ablehnende Haltung gegenüber dem Impfen auf Quellen gründet, mit Zahlen stützt und so zum Nachdenken anregt. Obwohl die Analyse seiner Gründe nichts wesentlich Neues zutage fördert, so zementiert sie doch exemplarisch die geläufige Erkenntnis, dass jemand umso weniger bereit ist, Beschränkungen bei sich hinzunehmen, wenn Andere davon profitieren.

Das zentrale Argument von Felbers gesundheitlicher Selbstbestimmung lautet nämlich: ich weiß, was für mich gesundheitlich am besten ist. Und weil die Infektionssterblichkeit für Menschen meines Alters und meines Vermögens nur bei 0,05 bis 0,4 % liegt, erspare ich mir die potentiellen Nebenwirkungen einer Impfung. Schließlich stürben Menschen auch an den Nebenwirkungen vom Impfen, was auf Felber dann doch bedrohlich wirkt, obwohl nach seinen eigenen Zahlen die Wahrscheinlichkeit dafür höchstens 0,001 % beträgt. Außerdem habe die Impfung mit einem Serum gegen die Schweinegrippe Tausende das Leben gekostet – was einer Sterblichkeit von 0,00006 % entspricht.

Da muss die felbersche Intuition schon ziemlich viel epidemiologische Evidenz beiseite drücken, um der gesundheitlichen Selbstbestimmung nicht den letzten Anschein von Rationalität zu nehmen. Dazu müsste man schon die Beliebigkeit aus dem Logikkasten loseisen. Und das gelingt vortrefflich mit der akademischen Skepsis und der Behauptung: Nichts ist wirklich sicher! – weshalb auch keine Impfung sicheren Schutz bietet, bieten kann. Und dass eine Impfung irgendwann irgendwelche schlimme Folgen zeitigen wird, „kann niemand ausschließen“.

Kann man in der Tat nicht. Doch sieht man daran, wie groß die rationale Kluft ist, die sich da auftut neben der sozialen, die in ihrer individualistischen Begründung die einkommensschwachen Schichten ausblendet, die nicht von zuhause aus arbeiten können, sondern mit Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, die arm und alt sind, in beengten Wohnverhältnissen ohne Belüftung eingepfercht leben und daher weitaus größeren Risiken ausgesetzt sind. In deren Ohren muss Felbers Vorschlag, statt zu impfen doch die Intensivbetten in den Krankenhäusern aufzustocken, recht zynisch klingen.

Aber die Moral soll hier das Thema nicht sein, sondern die Kritik. Ist doch letztere die zentrale Instanz der Moderne, die ja auch die Autoren der NachDenkSeiten für sich reklamieren. Die Möglichkeit des Irrtums, das Eingeständnis der Fehlbarkeit auch höchster Autoritäten und letzter Instanzen ist der Grundstein jeder demokratischen Verfassung, aus der sich nicht zuletzt, und schon gar nicht zufällig, die dafür zentrale Meinungsfreiheit ableiten lässt. Sie ist die Grundüberzeugung, die von der Theologie der Offenbarungen in die experimentelle Wissenschaft geführt hat. Daher ist die Berufung auf die prinzipielle Irrtumsmöglichkeit, um sich über medizinische Erkenntnisse hinwegzusetzen, ein Grund- und Selbstwiderspruch, der zwangsläufig in eine argumentative Beliebigkeit (ex falso quodlibet) und eine gesellschaftliche Anarchie mündet.

Spätestens an dieser Stelle zeigt der Leviathan seine scharfen Zähne, die selbst für liberale Denker:innen eine zentrale Staatsgewalt legitimieren. Schließlich gerät letztere leicht in Vergessenheit, wo individuelle Freiheitsrechte eingefordert werden und ganz selbstverständlich eine Gewalt da ist, die diese Freiheitsrechte auch für alle durchsetzen kann. Ohne eine Staatsgewalt wären Freiheitsrechte leere Worthülsen. Und wie die Staatsgewalt die Freiheitsrechte durchsetzt, so beschränkt sie sie zugleich – immer vor dem Hintergrund, dass die Beschränkung (wie auch die Durchsetzung) ein Fehler sein kann.

Zur Fehlerminimierung haben sich wissenschaftliche Standards etabliert, die sich in einer von der Meinungsfreiheit geschützten Agora autonom herausgebildet und weiterentwickelt haben, sprich: die der Wissenschaft nicht von außen übergestülpt wurden – die also, die sollen in der Auseinandersetzung um die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie plötzlich ihre Funktion und Geltung verloren haben? Anders ist die Aggression kaum zu erklären, die in einem noch nie dagewesenen Ausmaß Wissenschaftler:innen entgegenschlägt, die sich öffentlich zu Corona äußern oder geäußert haben; 15 % von ihnen haben gar Morddrohungen erhalten. Vor diesem Hintergrund ist es fast schon todesmutig, dass das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie sich für eine Impfpflicht ausspricht, die die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina zumindest für einen bestimmten Personenkreis für nötig erachtet, und dass das Max-Plank-Institut für Dynamik und Selbstorganisation die Ansicht vertritt, dass ein zügiges Impfen, wenn auch nicht mit völliger, so doch mit großer Sicherheit die aktuelle Infektionswelle brechen könne.

Die nachfolgende Zusammenstellung von Ergebnissen aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Zusammenhang mit Covid 19 mag daher diejenigen kritisch durch die Beiträge der NachDenkSeiten orientieren, die in der Wissenschaft so nicht den Hort, doch zumindest eine Instanz der Kritik sehen. Fehler nicht ausgeschlossen.

Das Covid 19 Coronavirus kann grippeähnliche Symptome entwickeln, die in seltenen Fällen zum Tod führen; häufig verbleiben bei Genesenen nach einem halben Jahr Beschwerden wie Husten oder Müdigkeit. Hauptsächlich greift das Virus die Lungen an, aber auch andere Organe wie Nieren, Herz und Gehirn werden befallen (Puelles et al. Journal of the American Medical Association 05/2020). Bei Kindern unter 5 Jahren besteht eine geringe Infektionsgefahr (Stinghini et al. Lancet 06/2020), weltweit aber müssen 1,3 Mrd. Menschen mit einem schweren Krankheitsverlauf rechnen, sollten Sie sich infizieren (Clark et al. Lancet Global Health 06/2020).

Am schlimmsten betroffen sind auch hier die unteren Einkommensschichten, und zwar nicht nur hinsichtlich Infektion und Krankheitsverlauf, auch die ergriffenen Maßnahmen gehen hauptsächlich zu ihren Lasten. Bedingt durch enge Wohnverhältnisse bei schlechter Belüftung bringen sie schon Vorerkrankungen mit, die einen schweren Verlauf erheblich begünstigen (Lohner et al. Rechtsmedizin. 10/2021), sodass auf der Intensivstation überdurchschnittlich viele Patienten liegen, die aus armen Familienverhältnissen stammen (Ärzteblatt 04/2021), wo ihre Sterblichkeit um 25 % größer ist als bei Angehörigen anderer sozialer Schichten (Mena et al. Science 04/2021). Menschen in unteren Einkommensschichten, haben zudem so gut wie keine Gelegenheit zum Homeoffice, sondern stehen am Fließband oder sitzen an der Registrierkasse, wo sie einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, oder wo sie kurzarbeiten bzw. ihren Arbeitsplatz ganz verlieren. Hinzu kommt, dass ihre ärztliche Betreuung darunter leidet, dass Corona-Behandlungen vielerorts Priorität eingeräumt wird (Heimerl et al. 2021).

Schutz vor Ansteckung bieten Abstandhalten und Masketragen (Leung Nature Medicine 04/2020). Abstandhalten reduziert die Infektionswahrscheinlichkeit um 45,9 %, Masken um 37,4 % (Trauer Nature 11/2021) bzw. um 10 bis 35 % (Graham Nature 09/2021). Die Schließung von Geschäften, Universitäten und Schulen dämmte die Verbreitung des Virus ein in 43 Staaten (Bramer et al. Science 12/2020) um 77 % (Salje et al. Science 05/2020) und hat weltweit 500 Mio. Infektionen verhindert und 3 Mio. Menschen das Leben gerettet (Flaxman et al. Nature 06/2020); nur in Japan zeigten Schulschließungen keine Wirkung (Fakumoto Nature Medicine 10/2021). Allerdings sind Eltern von Schulkindern zusätzlich gefährdet (Lessler et al. medRxiv 03/2021).

Der Schutz durch eine Impfung ist hoch vor einem schweren bzw. tödlichen Verlauf der Erkrankung, geringer ist der Schutz vor Ansteckung und er nimmt mit der Zeit noch ab. Nach der ersten Impfung war die Infektionsrate mit bestimmten Varianten des Virus bei Geimpften in Israel höher als bei Nichtgeimpften (Kustin et al. medRiv 04/2021); in Großbritannien infizierten sich dagegen Nichtgeimpfte viermal häufiger als einmal Geimpfte (Weekes et al. Authorea 03/2021). Insgesamt bietet die erste Impfung zu 80 % einen wirksamen Schutz, die zweite Impfung zu 90 % (Thompson et al. Morbidity And Mortality Report Weekly 03/2021). Impfungen reduzieren die Übertragungsrate um 40 bis 50 % (Harris et al. Nature 04/2021) und entfalten eine Wirksamkeit von 91 % (Logemow Lancet 02/2021). Bei Pflegern führte die zweite Impfung zu einem effektiven Schutz von 86,5 bis 87,1 % (Cavenaught et al. Morbidity And Mortality Report Weekly 04/2021). Die Impfung Erwachsener bietet zudem Kindern Schutz (Milman medRxiv 04/2021). Generationenübergreifend senken Impfungen das Infektionsrisiko um 35 bis 60 %, und das Risiko, an der Infektion zu sterben, um weitere 37 bis 58 % (Shivi et al. Vaccines 10/2021). Insgesamt schützen Impfungen vor Infektionen, Hospitalisierung und Tod, doch Langzeitfolgen im Falle einer Erkrankung werden trotz Impfung nicht abgemildert (Tacquet et al. medRxiv 10/2021).

Auch die Genesung nach einer Infektion bietet keinen dauerhaften Schutz, da nur 40 % der Infizierten Antikörper gegen das Virus bilden (He et al. Lancet 03/2021). Die Immunantwort ist altersabhängig, sodass der Schutz vor einer Neuinfektion bei jüngeren Menschen auf 80 % ansteigt (Hansen et al. Lancet 03/2021). Mehr als die Hälfte der Genesenen leidet unter Langzeitwirkungen einer Erkrankung am Coronavirus (Groff et al. Journal of the American Medical Association 10/2021).

Voraussetzung für die Zulassung von Impfstoffen ist ihre Erprobung an Menschen. Eine sogenannte Vorstudie bescheinigte den Impfstoffen eine Wirksamkeit zu 94 % (Widge et al. New England Journal Of Medicine 12/2020). Die Schnelltests besitzen eine Zuverlässigkeit von 75 bis 97 % (van Beek et al. 2020).

Impfgegner gibt es, seit es das Impfen gibt (Nolte Fehlzeiten-Report 2021), sie machen in allen Schichten 3 bis 8 % aus; allein bei den Liberalintellektuellen sind es 31 % (komm.passion 2020).