Bodennullpunkt des Wissens

Die Bundestagswahl hat die Wissenschaft entschieden. Dieser Satz kann so stehen bleiben, weil unklar ist, was darin Subjekt und was Objekt ist. Er kann aber auch so stehen bleiben, wenn der Satz ein neu definiertes Wissen voraussetzt und die Wissenschaft implizit an einen Neustart stellt. Das jedenfalls ist in etwa das Gedankenexperiment, dem sich, gewissermaßen als Wahlprüfstein, die Technisch-Literarische Gesellschaft (TeLi) in München unterzogen hat.

Deren Vorsitzender, Wolfgang Goede, fürchtet Normalität, Reformstau, anhaltenden Frust und Demokratiezweifel mehr als andere seiner Zeitgenoss:innen Veränderungen und Wandel fürchten – nicht nur den Klimawandel. Mit seinem beharrlichen Bemühen um eine Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, bis hinein in die Wissenschaft, und um eine Anerkennung indigener und lokaler Erkenntnisansprüche vermeintlich primitiver und naiver, jedenfalls nicht nach universitären Maßstäben gebildeter Menschen, zählt Goede zu den wenigen ernsthaften Wissensstürmern, die, wo nicht mit falschen Vorstellungen vom Wissen aufräumen, so doch Raum schaffen für neue Formen des Wissens.

Denn neue Formen des Wissens, ist Goede überzeugt, bahnen den Weg zum Aufbruch in eine neue, gerechtere Gesellschaft. Das liegt auch daran, dass wir uns eine Gesellschaft gar nicht mehr anders denken können denn als wissensbasiert. Mythen und Traditionen bieten längst nicht mehr den Kitt sozialen Zusammenhalts, den wir uns von rationalen Argumenten zumindest erhoffen. Wer also an der Gesellschaft rütteln will, der tut gut daran, an ihren Fundamenten zu rütteln, sozusagen am Bodennullpunkt anzusetzen.

Ermöglichen sollen die neuen Formen des Wissens drei Instrumente: zivilgesellschaftliche Kammern in Parlamenten, direkte Mitbestimmung über Forschungsprojekte und mehr Demarchie. Alle drei Instrumente rühren alles andere als zufällig an die zentrale Frage von Macht und Herrschaft von Menschen über Menschen. Wer soll die Regeln des Zusammenlebens aufstellen und durchsetzen? Und was verleiht diesen Menschen die Autorität dazu? Eine Frage, auf die man mit Wissen und Befähigung zu antworten versucht ist. Doch ohne die Kriterien für Wissen und Fähigkeit letztgültig liefern zu können, bleibt man schlicht angewiesen auf die tradierten Behelfe von Treu und Glauben, derer sich die Moderne so gerne entledigt hätte. Doch ist dies Bubenstück der autonomen Vernunft lehrreich. Schmücken wir daher das Gedankenexperiment der TeLi etwas aus.

Im Anfangszustand herrscht darin völlige Gleichheit: jeder Mensch hat in gleichem Maße Anspruch auf die Verwirklichung seiner Interessen. Daher sollen Interessenkonflikte auch immer und überall auf die gleiche Weise gelöst werden. Weil nicht über alle Regelungen jeder Streitbeilegung stets alle Menschen befinden können, erwächst die Notwendigkeit, Regelungskompetenzen an Mitmenschen zu übertragen. Weil des Weiteren Macht missbraucht werden kann, und wir nie sicher sein können, dass wir die richtige Kompetenz den richtigen Menschen übertragen haben, verleihen wir die Macht auf Zeit. Und wir verleihen sie (noch) durch gleiche und geheime Wahl. Nicht weil wir einen repräsentativen Querschnitt in den Parlamenten sehen möchten, sondern weil wir uns zutrauen, die fähigsten Mitmenschen per Wahlen ins Amt zu heben. Hier nun das Losverfahren einzubringen und den gewählten Repräsentant:innen Schöffenabgeordnete zur Seite zu stellen, konterkariert die egalitären Absichten der vorgeschlagenen Instrumente.

Zum einen rührt der beklagte Zweifel an der Demokratie nicht zuletzt daher, dass zur Wahl eben nicht die Fähigsten stehen und die Parlamentarier unterm Strich einen bunten Haufen von Unqualifizierten vorstellen; in diesen Haufen dann durch den Zufall des Loses noch mehr Farbe zu bringen, würde die Qualifikation nicht anheben und die bestehende Überforderung nur weiter forcieren. Zum anderen Sind in zivilgesellschaftlichen Initiativen, die bei weitem nicht denselben Organisationsgrad aufweisen (ganz zu schweigen von der verschiedenen Finanzkraft) und auch untereinander konkurrieren, jeweils bestimmte bürgerliche Schichten mit ihren bestimmten Interessen engagiert, die wohl durchgängig die Gemeinnützigkeit in ihrer Satzung, nicht aber in ihrer Bilanz stehen haben.

Bleibt also nur das Mitspracherecht bei der Definition von Forschungszielen und bei der Bewilligung von Forschungsprojekten. Und das wäre schon ein wuchtiges Nur! – kaum noch ein Wissensstürmen als vielmehr einen Wissenschaftstsunami, gilt es doch hiermit elitären Zirkel, wie den der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), aufzustemmen, die um ihre Willkür hohe Paragraphenmauern der Wissenschaftsfreiheit errichten haben lassen. Hier muss erst einmal der Meißel der Meinungsfreiheit als individuelles Menschenrecht wiederentdeckt und mit der Entschlossenheit eines Presslufthammers angesetzt werden, um den fest getrockneten Mörtel der Wissenschaftsfreiheit als kollektives Institutionenrecht aufzubrechen. Da wäre schon eine Fissur im Stahlbeton mehr als nur ein Neustart!

Dass es zu einem solchen Neustart nicht kommt, macht Goede an der Natur des Menschen fest: Der sei zu bequem, zu behäbig und fürchte sich über die Maßen vor Veränderungen. Doch hier irrt der Wissenschaftsjournalist. Träge ist der Mensch nur, weil die Gesellschaft träge ist (wie auch die Masse träge ist – und nicht zu unterscheiden von der schweren!). Das räumt Goede selbst ausdrücklich ein, wenn er beklagt, dass rebellierende Wissenschaftler:innen von ihren Peers zurückgepfiffen und wieder auf Linie gebracht werden; schließlich sind Gruppenzwang und Konformismus keine individuellen Eigenschaften des Menschen. So bleibt es ein Mysterium, dass die Menschen das Geschehen auf der Erde als ein willentliches begreifen, so als hätten sie oder jemand anderes alles, was ihnen widerfährt, gewollt. Das ändert sich vielleicht, wenn wir am Bodennullpunkt ankommen, dem wir einmal eine willenlose Singularität unterstellen wollen.