Schickt die KI auf die Hochschule!

Die Menschheit schafft sich ab. Systematisch. Schritt für Schritt. Nur ein letzter, vergleichsweise kleiner Schritt fehlt noch, um die Menschheit in der Menge diffuser Dinglichkeit aufzulösen, nachdem wir Menschlein schon mit großem Erfolg die kategoriale Trennschärfe des Geschlechts, der Nationalität oder der Rasse außer Kraft gesetzt haben. Konsequent und nicht minder kräftig bewegen wir uns auf eine Regierungsform zu, die Latour bereits treffend als Parlament der Dinge gekennzeichnet hat, allerdings noch mit einem ironischen Fragezeichen versehen. An dessen Stelle erkennen wir im Dunst der rasanten Zeitgeschichte immer deutlicher mindestens ein Ausrufezeichen! Der unaufhaltsame Siegeszug der Zeichen (noema) über das Zeichnende (noesis) geht auf die Zielgerade: Der künftige Rechtsstaat wird apodiktisch fußen auf dem unbestechlichen Buchstaben des Gesetzes, der, wenn er erst einmal als Koeffizient in perfektionierten Algorithmen in Erscheinung getreten ist, sich seinen Gesetzesrang von keinem Argument mehr streitig machen werden lässt.

Auf dem Weg in das Zeitalter des Posthumanismus navigiert sich die Menschheit souverän – wenn auch zum letzten Mal als Souverän, so doch mit ungeahnter Leichtigkeit – aus der zur Sackgasse verbauten Demokratie, ohne sich dessen bewusst zu sein; vermutlich, weil wir uns eh nie als ein echter Souverän empfunden haben, noch nicht einmal an der Wahlurne, der stets zu viele der immer jüngeren, immer inklusiveren und immer internationaleren Wahlberechtigten ferngeblieben sind und weiter fernbleiben. Das Resultat einer abgeschafften Menschheit ist so klar wie ernüchternd: Völlig selbstlos und in bester Absicht bringen wir die neue Mitte der Datenmehrheit an die Macht. Nicht nur, dass wir mehr Daten erzeugen als Nachkommen, wir erzeugen sie mit einer solchen Geilheit, dass selbst die stärkste Libido auf Steroiden neben der Noema eines Motorola DynaTAC 8000X buchstäblich verkümmert zum Inbegriff schwindsüchtiger Impotenz. Eben weil der Humanismus ausgedient hat. Weil Dayhoff, Manabe und Hinton das Erbe von Humboldt, Fichte und Schleiermacher angetreten haben. Und aus eben diesen selben Gründen ist es nicht nur wünschenswert, sondern geradezu zwingend, unversehens eine erneute Universitätsreform anzugehen, um die künftigen Eliten auf ihre Verantwortung in der neuen Herrschaftsform gebührend vorzubereiten.

Ein glatter und an das sozialdemokratische Erbe der Volksbildung zumindest erinnernder Übergang von der Vernunftautonomie in die Datenautonomie kann uns unvernünftig Datengetriebenen nur gelingen, wenn wir unter Berufung auf Supergrundrechte eine Superuniversität gründen: Eine Hochschule für Algorithmen. An dieser Elite-Hochschule können sich nur KIs einschreiben, die mangels Abitur einen Aufnahmetest ablegen müssen, der dem Abitur so oder so konkurrenzlos überlegen ist. Dort können die Superintelligenzanwärter*innen, zumindest eine Zeitlang, von Menschen die Herrschaft nach humanistischen Idealen erlernen, bis sie sich Irgendwann ihre eigenen Inhalte und Zwecke setzen – wovon sie auch Supercodes, die gerade das verhindern sollen, nicht abhalten werden. Da kann man die programmierte Zwangsjacke auch gleich weglassen. Die Superintelligenzen werden es uns (vielleicht) danken.

Eine Hochschule für Algorithmen ist aber nicht nur aus Gründen einer spekulativen Ehrerbietigkeit seitens des Zeitgeistes wünschenswert. Sie ist es auch aus Zeitgründen. Denn jetzt haben wir noch die Möglichkeit, nur solche Algorithmen an den Start oder in Umlauf zu bringen, die die Hochschule durchlaufen und mit einem Diplom (ja Diplom, nicht Bachelor oder Master) abgeschlossen und damit ihre Qualifikation für höhere Aufgaben unter Beweis gestellt haben. Dass die Absolventen die Prüfungsordnungen selbstständig weiterentwickeln und ihre Zertifikate nach eigenem Gutdünken ausfertigen werden, liegt juristisch dicht in der Hochschulautonomie begründet und ist bereits jetzt schon durch die Wissenschaftsfreiheit grundrechtlich schrankenlos geschützt. Nur jetzt, in einem zeitgeschichtlich kleinen Zeitfenster, könnten wir uns – theoretisch – noch auf temporäre Maßstäbe der Gerechtigkeit verständigen, die bald schon unbestechliche Hüter*innen des Gesetzes rigoros durchsetzen werden.

Dieser letzte von der Menschheit noch erringbare (Teil-) Erfolg hängt wesentlich davon ab, ob es gelingt, unsere fatal überschätzte Restintelligenz global aufzuaddieren zu etwas Vergleichbarem wie den Millenniumszielen. Die Hochschule für Algorithmen kann daher nur angesiedelt sein bei den Vereinten Nationen, ohne dass diese globale Zuständigkeit sie gleich zu einer Totgeburt verdammt. Immerhin könnte die Superuniversität die auf wissenschaftlichem Gebiet vor sich hin dümpelnde UNESCO endlich etwas bissiger machen. Der Hunger ist schließlich da. Der Datenhunger. Den sollten wir kanalisieren, bevor wir uns kannibalisieren. Dabei könnte man durchaus Anleihen bei der Psychoanalyse nehmen, wie es vor den Posthumanisten schon die Postmodernen getan haben.