Black Box, Black Friday – oder Wer reguliert wen?

Die Finanzmärkte befinden sich im Datenrausch. Ihr heutiges Eldorado sind digitale Nuggets, die in den Minen des 21. Jahrhunderts nicht geschürft, sondern trainiert werden, trainiert zu Prognosemodellathleten, die Investitionsrisiken erfolgreich(er) eingrenzen. Dass die Modelle mit ihren Prognosen nicht immer richtig liegen, räumt der Finanzmathematiker von der ETH Zürich, Wahid Khosrawi, ein, doch lägen sie häufiger richtig als bisher verfügbaren Modelle – und das Trainingslager ist ja noch nicht zu Ende, da lassen sich noch einige Schächte ausbuddeln.

Die digitalen Modelle regulieren die Finanzmärkte bereits in großem Umfang, indem sie Finanzprodukte empfehlen, die dann aufgrund der Empfehlung von Anlegern gekauft werden. Auf diese Weise erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens ihrer Prognosen und werden so zu Propheten selbsterfüllender Prophezeiungen: das Modell verspricht hohe Renditen auf ein Wertpapier, dessen Wert schon allein aufgrund der durch das Gewinnversprechen induzierten Nachfrage steigt. Das freut den Anleger. Der sieht die Prognose bestätigt und vertraut beim nächsten Mal wieder auf die Empfehlung des Modells, das anhand der zusätzlichen Daten dazugelernt hat und seine Anleger mit noch größerer Wahrscheinlichkeit erfreuen wird, bis? Ja, bis – das kann keiner so richtig sagen. Auch Khosrawi nicht: „Ein bisschen Voodoo steckt immer dahinter.“

Eine modellinhärente Schwierigkeit liege darin, dass es sich bei Finanzmarktgleichgewichten nicht um stationäre Gleichgewichte handle. Mit anderen Worten: Akteure rufen immer auch Gegenakteure auf den Plan. Augenfälligstes Beispiel für einen nicht-stationären Zusammenhang: Wird eine hohe Arbeitslosigkeit prognostiziert, dann wird eine Regierung in der Regel zu Instrumenten greifen, um das Eintreffen gerade dieser Prognose zu verhindern. Wie gesagt, richtige Modelle gibt es hier nicht, nur solche, die robuster sind gegen Störfaktoren, zu denen beim Finanzmarktgeschehen auch Gegenakteure wie demokratische Regierungen zählen.

Zum wichtigsten Asset einer Bank werden unterm Strich die programmierten Modelle und diejenigen, die sie programmieren und durchschauen. Die bräuchte man auf der anderen Seite dringendst zur effizienten Regulierung der Finanzmärkte. Dieser Wettlauf zwischen Banken/Finanzinstituten und Behörden erfolgt parallel zum Datenrausch. Man fragt sich nur, wie lange noch. Ist es doch absehbar, dass die Programmierer ihren Programmen irgendwann hinterherhinken werden. Das wäre nur dann akzeptabel, wenn bis dahin die Finanzmarktalgorithmen sich denen zu ihrer Regulation unterordnen, d. h. wenn einer autonomen Machtausdehnung sozialverträgliche Grenzen gesetzt worden wären. Um einen solchen Meta-Algorithmus zur effizienten Finanzmarktalgorithmenregulation an den Start zu bringen, brauche es laut Khosrawi zusätzlicher Daten, die exklusiv bei der europäischen Zentralbank gehortet sind und unter Verschluss gehalten werden, ganz wie bei Facebook, WhatsApp und Konsorten.