Zur KI europäischer Prägung

Dass die Endkontrolle einer Entscheidung beim Menschen liegen müsse, sei Konsens in der KI-Forschung, erklärte Philipp Hennig von der Universität Tübingen auf der Auftaktveranstaltung des Wissenschaftsforums. Bezogen auf die Medizin gibt es demnach so etwas wie einen therapeutischen Vorbehalt, der bei der Ärztin liegt und dem Expertensystem die Rolle diagnostischer Unterstützung zuweist, die ihre Grenze in Therapievorschlägen findet. Dieser Konsens ist nicht selbstverständlich, weshalb an dieser Stelle von ihm ausgeschert werden soll.

Warum sollte der Ärztin die finale Entscheidung vorbehalten sein, wenn Expertensysteme deutlich mehr Therapieerfolge erzielen, schlicht weil sie die von den Ärztinnen vorgegebenen Entscheidungsregeln im Unterschied zu ihren Urheberinnen konsequent verfolgen, und warum sollte bei schweren Turbulenzen eine Pilotin den Landevorgang überwachen, wenn dadurch die Absturzwahrscheinlichkeit signifikant ansteigt? Weil es inhuman wäre, wenn nicht Menschen über Menschen herrschen? Oder weil utilitaristische Erwägungen das moralische Fundament des Neoliberalismus bilden?

Ist es nicht so, dass der Mensch sich mit der Gesellschaft entzaubert hat, sämtlichen Gründen verlustig gegangen ist, sich als Gipfel der Schöpfung zu betrachten, und unterm Strich das Gottspielen des Menschen den Planeten schlecht bekommen ist? Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit für eine Überwindung der menschlichen Apotheose hin zu einer transhumanen Gesellschaft in ökologischer Perspektive, in der unter anderem den Mitbewohnern der Erde ein gleiches Existenzrecht eingeräumt wird, und der Mensch schon deshalb nicht mehr das letzte Maß der Dinge sein kann?

Insofern hält, wie Hennig betont, Künstliche Intelligenz den Menschen einen Spiegel vor. Die Zeiten, dass wir mit verklärten Blick in diesen Spiegel hineinschauten oder schönredeten, was wir darin sehen, sind endgültig passé. Doch gerade deshalb sind gesellschaftliche Spiegel wie die KI enorm wichtig bei der seit der Antike fortdauernden Verortung des Menschen im Kosmos. Den Blick sollten wir aushalten können, auch wenn nicht gefällt, was wir darin sehen: dass unsere Vorstellungen von Fairness vage oder inkonsistent sind, dass wir in einem fort logische Fehler begehen und aus purer Eitelkeit die Wege unserer Entscheidungsfindung anderen gegenüber verborgen halten. Ganz anders unser künstlicher Widerpart, dessen Algorithmen bei Kenntnis der Programmiersprache offenliegen und, ohne bis zum letzten Befehl in der letzten Schleife eines neuronalen Netzes transparent zu sein, doch wesentlich transparenter ist als die arkane Entscheidungsfindung und Machtausübung in menschlichen Gesellschaften.

Nein, der Mensch muss nicht immer das letzte Wort haben. Selbst nach menschlichem Ermessen fahren wir in vielen Bereichen mit der künstlichen Intelligenz sicherer und werden in unseren Fähigkeiten, Leistungen und Verdiensten zutreffender beurteilt, weil Expertensysteme – noch – unbestechlich sind und sich nicht von sachfremden oder egoistischen Faktoren verleiten lassen.

Auch wenn es schwerfällt, das bei aller unbestreitbarer Eitelkeit zu akzeptieren: Wir sollten besser unsere Eifersucht auf die maschinellen Zeitgenossen beiseite legen und uns fragen, wie weit wir jetzt schon objektiven Algorithmen Entscheidungen übertragen wollen. Bei Teilnehmern an einem Seminar, wie in Hennigs Beispiel, ist Fairness noch einigermaßen überschaubar. Derselbe Algorithmus wird aber kaum hinreichen, um Parlamente mit Repräsentanten des Souveräns auszuwählen – wenn man angesichts der Überlegenheit von Expertensystemen an demokratischen Institutionen überhaupt festhalten möchte; denn man könnte in der KI durchaus eine Bestätigung dafür finden, dass die Momente der Aufklärung Demokratien dialektisch aushebeln.

In jedem Fall zwingt sie uns, unsere moralischen, und damit auch politischen Positionen zu präzisieren, wie Hennig bemerkte, nicht nur um für Maschinen operabel zu werden, sondern auch um unsere gesellschaftlichen Ziele von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit erreichbar zu machen und mit neuer Durchschlagskraft auszustatten.