Im Netz der Wissenschaftsfreiheit

Forschung und Lehre geraten in Deutschland immer stärker unter Druck, unter moralischen Druck. So empfinden das die Wissenschaftler*innen, die das ‚Netzwerk Wissenschaftsfreiheit‘ gegründet haben. Die Gründung könnte die Diskussion um Freiheit und Verantwortung, um Wertfreiheit und zweckfreie Grundlagenforschung in der Wissenschaft neu entfachen. Es wäre dem Thema zu wünschen.

Für die Initiative scheint es ausgemacht, ohne dass damit irgendein Absolutheitsanspruch verbunden sein soll, dass eine Person sich ohne Überschneidungen aufspalten kann in eine Forscherin und eine Staatsbürgerin, die zudem beide in komplett getrennten Welten leben. Die Ambivalenz dieser nicht gerade evidenten Voraussetzung setzt sich an dem Ort fort, an dem Person und Forscher*in zusammenkommen: an der Universität. Die Universität soll einerseits ein Thermalbad für den Geist sein, an dem man sich vor nichts zu fürchten hat, vor allem nicht um seinen Ruf an eine Uni oder an einer Uni. „Es geht nicht nur um die Freiheit, etwas im konkreten Sinne sagen zu können. Man muss es auch sagen können, ohne öffentlich stigmatisiert zu werden“, fasst es Andreas Rödder, einer der Initiatoren des Netzwerkes, zusammen. Gleichzeitig sei die Universität ein Boxring, in dem man „emotional, charakterlich oder intellektuell Zumutungen aushalten“ können müsse, wie Mitinitiatorin Sandra Köstner klarstellt. Vor solch hohen Ansprüchen, muss die Universität ja in die Knie gehen. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hält dies aber für vermeidbar.

Bemerkenswert an der neuen Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit ist, dass sie in der Wissenschaft selbst verortet wird, dort also denjenigen zugeschrieben wird, die von der Wissenschaftsfreiheit profitieren und die letztendlich die Wissenschaftsfreiheit missbrauchen, um die Wissenschaftsfreiheit zu beschränken. ‚Selbstreflexivität‘ würde Rödder das wohl nennen. Gemeint sind so genannte Agenda-Wissenschaftler: „Sie nutzen Forschung und Lehre, um die Gesellschaft zu verändern – gemäß ihrer politischen Einstellung.“ Unerhört! Aber Moment mal, ist das nicht das, was wir von der Wissenschaft erwarten? Ist das nicht das, was wir gerade im Zuge der Bekämpfung von Corona tun? Mit gutem Grund tun? Das kann nicht gemeint sein. Wissensbasierte Entscheidungen passen nicht in das Feindbild des Netzwerks.

Was stört, ist die politische Einstellung, vor allem die Einstellung, die eine Mehrheit hinter sich zu scharen versteht, genug Stimmen jedenfalls, um moralischen Druck auszuüben. Mit diesem Kampf um Grundwerte und politische Überzeugungen fremdeln die Initiatoren. Ihnen wäre es offensichtlich lieber, sie könnten ihrem Tagwerk an der Universität rein kontemplativ nachgehen. Dieses mittelalterliche Universitätskonzept überrascht dann doch. Ist es denn noch immer nicht in sämtliche Elfenbeintürme vorgedrungen, dass die Wissenschaft sich in einer Wertegemeinschaft bewegt, deren Wertekanon in einer Verfassung niedergeschrieben ist, dem Gesellschaftsvertrag, der verbindlich Orientierung für den Umgang miteinander gibt? Dass im Kontext dieser Grundwerte aberrantes Verhalten diskreditiert wird; und dass, würde das nicht geschehen, der Gesellschaftsvertrag zu einem Muster ohne Wert würde?

Aus dem Vertrag kann man sich nicht nur die einem genehmen Werte herauspicken, sondern ist, wie bei Verträgen üblich, vertraglich an den gesamten Text gebunden. Weil darin der Tierschutz verankert ist, gibt es einen moralischen Druck auf Wissenschaftler, die Tierversuche anstellen. Und es ist klar, dass auf rein kontemplativem Wege der Tierschutz seinen Weg nicht in das Grundgesetz gefunden hätte. Insofern ist es auch kein Zug um der Argumente willen, wenn ich Thilo Sarrazin oder Bernd Lucke an eine Universität oder auf ein Podium einlade. Und das nicht nur, weil jede Einladung eine Wertschätzung zum Ausdruck bringt, die den Eingeladenen sich hofiert fühlen lässt. Daher wirkt die Empörung über diejenigen, die gegen eine Präsenz dieser Personen an ihrer Hochschule auf die Barrikaden gehen, letzten Endes etwas naiv. Bei wieviel moralischer Verwerflichkeit wäre denn für die Netzwerker die Grenze erreicht? Und selbst, wenn sie keine Grenze akzeptierten, wäre das genauso eine Wertentscheidung wie die Auswahl von Podiumsteilnehmer*innen.

Wer freilich schon im Gender-Stern in Publikationen der Universität einen „intellektuellen Lockdown“ sieht, der wird früher oder später auch seinen Privatkrieg gegen den Duden und die darin oktroyierte Rechtschreibung führen müssen. Spätestens dann wird sich weisen, dass man mit moralischem Druck besser lebt als ohne.