Agora für ein Europa des Wissens

„Für Demokratie und Wissenschaftsfreiheit einstehen“, meldet der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) zum Eberbach-Appell europäischer Hochschulvertreter. Da meint man doch die Münze der Wertegemeinschaft, die schon Helmut Kohl beschworen hat und Donald Trump nun einlöst, zu vernehmen im Klingelbecher universitärer Public Relations, die im vorgeblich gemeinen Schulterschluss um öffentliche Unterstützung buhlt. Doch weit gefehlt, der Appell ist erfreulich kritisch und also lesenswert.

Statt des hochglanztauglichen Kolorits der Universitäten als Bastion europäischer Grundwerte, das im Bild des Stabilitätslenkers aufleuchtet, bekommt man tatsächlich Spannungslinien und Grundkonflikte der Hochschulpolitik nicht nur in Europa vorgesetzt. Dabei verdeutlicht der Appell zweierlei: erstens, die Wertfrage (oder die Frage nach der Wertfreiheit) ist längst nicht beantwortet; zweitens, die Universitäten beanspruchen bei ihrer Klärung keine Sonderrolle mehr.

Der Appell ist getragen von der Einsicht, dass Forschung und Lehre an Universitäten auf der Grundlage und innerhalb einer Kultur erfolgen, die gewissen Werten verpflichtet ist, zum Beispiel dem Wert einer Universität als Bildungseinrichtung: „Die Art und Weise, wie [der Universitätsbetrieb] organisiert wird, spiegelt bereits eine Reihe von Werten wider.“ In dieser rauen Werte-Welt – die gewissermaßen den Gegenentwurf zur glatten Logik verkörpert – pflegen Universitäten Werte im gegenseitigen Umgang, geben sie Werte weiter an Studierende, die künftig Lehrende sein werden („Kreislauf“), und – das ist neu – machen die rationale Flanke auf für moralische Konflikte.

Mit Professoren wie Bernd Lucke in Bremen oder Jörg Meuthen in Speyer hat diese Konfliktlinie ihre parteipolitischen Koordinaten erhalten. „Wenn Wissenschaftler“, so heißt es in dem Appell, „Ansichten vertreten, die im Widerspruch zu den Werten stehen, auf die wir unsere Gesellschaft gründen, wird akademische Freiheit zu einem komplizierten Thema.“ Heikel wäre wohl treffender, so heikel wie unausweichlich. Dabei ist rechtes Gedankengut an Universitäten keine Ausgeburt des 21. Jahrhunderts.

Dieses Gedankengut konnte deshalb wieder Raum greifen, weil die Universitäten zu lange vor dem Werte-Konflikt gekniffen haben, was umso erstaunlicher ist, als Wahrheit und Recht die ureigenen Gegenstände ihres institutionalisierten Strebens ausmachen. Zu lange hatte man geglaubt, im Bannstrahl der Öffentlichkeit die Wahrheit für sich zu reklamieren und das Recht der Demokratie zuschieben (überlassen?) zu können. Mit anderen Worten: Man hoffte auf rein verfahrenstechnische Auflösung (besser: Beseitigung) der den stillen und reibungslosen Betrieb der Alma Mater störenden Wertfragen. Diese Gleichung ist nicht aufgegangen. Woraus man argumentieren darf, dass Demokratien ohne republikanischen Kodex mit dem Recht überfordert sind, wie die Wissenschaften ohne sozialen Kontext mit der Wahrheit überfordert sind. Die europäische Identität kann man ja nicht freirubbeln, die muss sich bilden.

Bildung nämlich ist das Zauberwort, das den europäischen Kulturkreis eint und in den Augen Wilhelm Humboldts und Friedrich Schleiermachers die ganze Welt unter dem Dach des Humanismus hätte einen können. Den politischen Sprengsatz der Bildung hat die Sozialdemokratie früh erkannt, auf ihre Fahnen geschrieben und durchzusetzen verstanden gegen die Erziehung zu uniformen Untertanen konservativer Kräfte. Die organische Autonomie eines heranreifenden Geistes, frei von den erzieherischen Eingriffen einer Obrigkeit, begleiten Machthaber instinktiv mit äußerstem Misstrauen, weil niemand vor der Bildung sagen kann, wohin die Reise geht, und sie, die Machthaber, auf der Reise ins Ungewisse nur verlieren können.

Doch das Wort hat sich etwas abgenutzt, je häufiger es in Wahlprogrammen kopiert und abgedruckt wurde. Die Idee verkam zur Worthülse. Bildung will keiner mehr riskieren, heute sagt man ausweichend: Können wir uns nicht leisten! Wir Mutigen, wir Aufgeklärten! Der Glaube an das Gute und Vernünftige im Menschen, das in Freiheit zu seiner Verwirklichung drängt, ist uns, dank einschlägigen historischen Anschauungsmaterials, abhanden gekommen. Damit allerdings ist auch der Zauber verloren gegangen, und wir Entzauberten stehen auf einmal ratlos da, wenn wir der Bildung einen inneren Zweck zuschreiben wollen.

Wo, wenn nicht in der Aula einer Universität, ließe sich der Zweck enthüllen, erstreiten? Wo sich eine Arena finden mit mehr Spiegeln zur Reflexion, um vorurteilsfrei die eigenen Vorurteile aufzudecken oder das Gute (Rechte), Wahre und Schöne zu entwickeln. Von der antiken Wiege der Demokratie – und der Akademie –, wo mit großem Ernste darum gerungen wurde, diese Grundbegriffe in eine Ordnung zu bringen, sind wir deshalb nicht weiter vorangekommen, weil es ein Weiter gar nicht gibt und man nicht umhin kann, sich diesen Fragen immer wieder zu stellen, um sein Handeln wie auch das Anderer immer wieder zu rechtfertigen.

Das Diskriminierungsverbot lässt sich nur rechtfertigen, indem man es übertritt, indem man Diskriminierungen trifft (nach Niklas Luhmann der erste Akt wissenschaftlicher Betätigung) und unterscheidet, was uns eint und was uns trennt – die Persönlichkeitspsychologie mag hier als Beispiel dienen. Die Universitäten haben hier in der Tat die große Chance, Schauplatz einer europäischen Identitätsbildung zu werden; solange man keine großen Erwartungen an diese Identität heranträgt und Unzulänglichkeiten, Unvollkommenheiten, ja den Mangel an Größe darin akzeptieren kann. Ohne Zwang zur Demonstration kultureller Überlegenheit kann dann Europa seinen Platz in der Welt finden und einnehmen.

Dieses Risiko des Gesichtsverlustes, der reine Kosmetik ist, wird eingehen können, wer den Willen zur Bildung hat, wer der Bildung eine Perspektive aufreißen möchte im Teppich festgetretener Lehr- und Studienpläne, die jenseits der Berufsvorbereitung – an der Universität oder außerhalb – lokalisiert ist. Will Europa ein Europa des Wissens werden, muss das Wissen seine Mehrdimensionalität zurückgewinnen, darf es nicht auf Wissenschaftlichkeit reduziert werden (so wenig wie das Recht auf Demokratie). Darin verharrt man aber, wenn „Werte durch Lehre vermittelt und durch wissenschaftliche Auseinandersetzung entwickelt werden sollten.“

Die Wertvermittlung kann nicht durch Wissenschaftlichkeit erfolgen, ohne dass mit der Wissenschaftlichkeit die Werte im Voraus schon gegeben wären. Es hilft nichts, in der Wissenschaft einfach dort Werte zu behaupten, wo man sie zuvor geleugnet hat. So gibt man ohne Not den Anspruch preis, dass Universitäten „keine Orte sein dürfen, die das Denken in vorgegebene Bahnen lenken.“ Mehrdimensionales Wissen erfordert eine neue Metrik für Wissenschaftlichkeit, die nur aus der Wissenschaft selbst hervorgehen kann. Das geschieht natürlich oder gar nicht. Nutzen wir unseren Verstand zur Verständigung: „Mobilität ist eine wichtige Erfahrung, die einen Vergleich zwischen Werten und Ansichten in verschiedenen Ländern ermöglicht.“

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