Den Experten eine Dorn im Auge

Thea Dorn weiß, was echte Wissenschaft ist. Und sie ärgert sich in der „Zeit“ öffentlich darüber, dass die wirkliche Wissenschaft ihrer Vorstellung nicht Gefolgschaft leisten möchte. Dabei nimmt sie für sich selbst heraus, was sie Wissenschaftlern nicht zugesteht: Anderen zeigen, wo‘s langgeht.

Das Feindbild wird dankenswert früh enthüllt: eine Gesellschaft, in der Wissenschaft und Staat eng zusammenrücken. Eine Alternative zu dieser „höchst verstörenden“ Entwicklung bleibt sie allerdings schuldig. Das ist leider nur konsequent. Schließlich warnt sie uns eindrücklich vor „jeglichen Ideologen des einzig richtigen Weges“.

Anders verhält es sich mit Dorns Ideologie der Wissenschaften. Die einzige richtige Wissenschaft ist ihrer Ansicht nach diejenige, die sich aus politischen Entscheidungsprozessen heraushält. Denn letztlich sei sie, die Wissenschaft, unfähig, Antworten auf Wertfragen zu geben und Menschen ihre Ängste vor der Zukunft zu nehmen. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Ideologie müsse unter allen Umständen erhalten bleiben. Dorns Vorstellung von Säkularisation möchte man in Erinnerung rufen, dass Napoleon Bonaparte vor gar nicht allzu langer Zeit Wissenschaft als Ideologie zu diskreditieren versuchte.

Die Angst der Mächtigen vor dem Übergriff des Wissens auf das Handeln verläuft kontinuierlich von der Gründungsakte der Royal Academy of Sciences bis ins Literarische Quartett des ZDF. Wissensbasierte Entscheidungen sind nach wie vor unbequem und sind auch in Unternehmen selten mehr als Worthülsen für verdeckte Machtkämpfe. Die Macht des Wissens muss ahnungslosen, um nicht zu sagen inkompetenten, Machthabern suspekt, ja bedrohlich erscheinen.

Derlei Machthaber – und ihre Adepten – spielen die Macht des Wissens gerne gegen die Grundfeste einer Demokratie aus derart, dass politische Macht sich auf Mehrheiten gründe und nicht auf Wissen. Richtig daran ist, dass die Gesetzgebung gewählten Volksvertretern obliegt. Sie obliegt nicht (wissenschaftlichen) Experten, solange sie nicht gewählt sind. Dennoch haben Experten, ganz prominent in Expertenkommissionen, die sich leider zu oft weniger nach Kompetenz als nach Verbandszugehörigkeit zusammensetzen, einen wachsenden Einfluss auf die Gesetzgebung. Dennoch wäre es falsch, diese Ader im Blutkreislauf der Demokratie einfach abzuschneiden.

Statt die Aorta einer Demokratie zu veröden, sollte ihr Herz gestärkt werden: das Volk. Seine Einflussnahme auf die Gesetzgebung sollte durch die Ausweitung direktdemokratischer Partizipationsmöglichkeiten ausgedehnt werden; und zwar im gleichen Maße, wie der Einfluss von Experten zunimmt. Das ist in Art. 20 des Grundgesetzes konstitutionalisiert: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, kein Glaubensartikel konservativer Königsvasallen, impliziert einen Vertrauensvorschuss an Wissen und Kompetenz eines Volkes. Das ist das Vermächtnis der amerikanischen Verfassung, das Abraham Lincoln damit zusammenfasste, dass eine Mehrheit wohl einmal irren könne, Einzelne gar dauerhaft, es aber ausgeschlossen sei, dass eine Mehrheit dauerhaft irrt.

Das Volk halten nur Demokratieverächter für verblödet. Kein Volk ohne Wissen – jeder Mensch kann auf ein individuelles Erfahrungswissen zurückgreifen. Dieses Wissen nimmt er mit in die Wahlkabine, dazwischen liegt es brach. Ein Teil nur des Volkes, ein rasant wachsender, zählt sich zu Wissenschaftlern, denen es vergönnt ist, ihr Wissen öffentlich und politisch geltend zu machen. Das ist demokratisch wünschenswert, wenn gleichzeitig der übrige Teil ebenfalls und in gleichem Maße an den politischen Entscheidungsprozessen beteiligt wird. Das freilich verlangt von diesem Teil zumindest die Bereitschaft zur Weiterbildung ab, wie es von den Experten die Bereitschaft abverlangt, sich auf die Situation des anderen Teils einzulassen und ihnen als legitime Wissensträger gegenüberzutreten.

Der aktivistische Wissenschaftler oder Gewissenschaftler ist Desiderat einer jeden Demokratie und somit das genaue Gegenteil eines Rückfalls in voraufgeklärtes Denken, als welchen Dorn Stellungnahmen von Klimaforschern und Epidemiologen betrachtet. Ihr wäre es am liebsten, die Wissenschaftler würden sich weiterer mit ihren „trostlosen Mechanismen“ beschäftigen und die Klima- und Gesundheitspolitik anderen – ja wem eigentlich? – überlassen. Wissenschaft reduziert die Schriftstellerin engstirnig auf eine Enklave theoretischer Forschung, deren Resultate unter einem Dauervorbehalt stehen und sich deshalb nicht zu Handlungsvorschriften eignen.

Wollte man Dorn in ihrem – so engen wie dogmatischen – Wissenschaftsverständnis folgen, so dürfte keine Ärztin jemals ein Medikament verschreiben, weil es unwirksam sein oder schlimmer noch Nebenwirkungen hervorrufen könnte. Hic Rhodus hic Salsa. Das (demokratische) Tanzbein schwingt, wer Wissenschaft treibt, denn das Parkett des Zweifels trägt den Tänzer. Gerne sei daran erinnert, dass die Begründer des Skeptizismus praktizierende Ärzte waren und insofern die Erwartung fehlgeht, die Praxis des Zweifelns münde stets in einer sich enthaltenden ἐποχή.

Die antike Skepsis richtete sich gegen überzogene Wissensansprüche, überzog aber nicht das ganze Wissen. Legitimes Wissen ist für Skeptiker Wissen, das sich in der Praxis bewährt. In diese Praxis aber muss man eintreten, will man seinen Teil zur Wissensvermehrung beisteuern. Man kann es sich mit dem Zweifeln bequem machen, indem man auf seine bloße Möglichkeit verweist, oder aber man begründet eine Gegenbehauptung gegen etabliertes Wissen. Das ist der schwierigere Teil des Zweifelns, der aber das enge Tor zur Wissenschaft eröffnet. Dass die Erde um die Sonne kreisen könnte, ist weitgehend belanglos, solange man keine Begründung dafür liefert, warum das so sein soll.

Erst die Gründe sind es, die einen Zweifel auslösen. Solange ein Grund fehlt, steht auch der Zweifel unter Vorbehalt. Das ist nicht einfach und muss gelernt werden, nicht anders, als dass man am Wissenschaftsbetrieb teilnimmt. Der Betrieb aber ist in guten demokratischen Verständnis ein öffentlicher, dem öffentliche Unterstützung nur insoweit zusteht, als er öffentlichen Interessen dient. Und am Tatbestand des öffentlichen Interesses wirken alle mit, Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler gleichermaßen. Dazu müssen Wissenschaft und Staat eng zusammenrücken. Das hat mit Predigen nichts zu tun. Predigen darf nur der Pfarrer – und die Schriftstellerin.

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