Die Freiheit der Wissenschaftsfreiheit

Baden-Württemberg hat seine Universitäten geschlossen. Ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit liegt jedoch nicht vor. Im Gegenteil: Die Schließungen erfolgen unter ausdrücklicher Berufung auf die Wissenschaft bzw. auf wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Corona-Virus. Anders verhält es sich mit dem Entstehungsherd der Epidemie. Dort sind die Universitäten geöffnet, allerdings stehen in China Professoren unter Hausarrest, die die Seuchenbekämpfung des Regimes öffentlich kritisiert haben, wie jüngst ein Juraprofessor von der Tsinghua Universität – ein Vorfall von rund 300 im Jahr, die die Organisation Scholars at Risk dokumentiert.

Die Häufigkeit der Übergriffe auf Forscher ist weltweit einigermaßen konstant. Sorgt man sich aber um die Wissenschaftsfreiheit, geht es eher um die Art der Übergriffe, die von ideologisch motivierten Budgetkürzungen in Brasilien über Publikationsverbote in der Türkei bis hin zu Verhaftungen im Iran reichen. Jeder Einzelfall stimmt bedenklich. Darin aber schon eine weltweite Erosion der Wissenschaftsfreiheit zu erkennen, wie es die Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ tut, scheint mehr der Lust an der Metaphorik und Pointierung geschuldet als einer nüchternen Analyse der Zeitläufte. Denn auffällig ist an den geschilderten Übergriffen, dass häufig nicht klar ist, ob sie dem Wissenschaftler als neutralem Forscher oder als politischem Parteigänger gelten.

Letzteres rechtfertigt die Übergriffe keineswegs; die Übergriffe sind dann aber Indikatoren einer gesellschaftlichen Schieflage insgesamt in Form von eklatanten Missachtungen der freien Meinungsäußerung allgemein und weniger Verstöße gegen deren Sonderfall, nämlich der Wissenschaftsfreiheit. Es wäre ebenso wenig zu rechtfertigen, Wissenschaftler mit mehr Grundrechten auszustatten als andere Menschen oder sie vor Eingriffen in ihre Grundrechte gesondert zu schützen. Die politische Bühne muss jedem offenstehen, nicht nur Wissenschaftlern. Freilich, in einem Staat, in dem es schlecht um die Meinungsfreiheit gestellt ist, ist es auch schlecht um die Wissenschaftsfreiheit gestellt. Und in ihm ist es auch schlecht um die Demokratie gestellt. Denn ein Volk kann nicht Herrschern, ohne seine Meinung zu äußern.

Sind die Grundfeste der Demokratien tatsächlich gefährdet, wie die Organisation Varieties of Democracy auf der Grundlage des von ihr erstellten Index der Wissenschaftsfreiheit glaubt? Die Antwort sendet Radio Eriwan: Betrachtet man einen Zeitraum von 40 Jahren, dann ist der langfristige Trend deutlich positiv, betrachtet man einen Zeitraum von fünf Jahren, dann ist der kurzfristige Trend negativ. Zünglein an der Waage ist Osteuropa, das mit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Wissenschaftsfreiheit senkrecht in die Höhe katapultiert hat – ohne natürlich das Niveau von Westeuropa auch nur zu streifen – und nun, vor allem in Polen oder Ungarn, die Trendumkehr bewirkt.

Am Verlauf des Wissenschaftsfreiheitsindex lugen die ideologischen Demarkationslinien historisch gewachsener Kulturen hervor. Die Wissenschaft im Verbund mit Universitäten als Orte des Forschens und Lehrens, denen die Wissenschaftsfreiheit ihre Gestalt verdankt, gelten als eine historische Errungenschaft Europas, als deren rechtmäßige Erbin sich Westeuropa begreift und dieselbe auch als Modell und Vorbild für den Rest der Welt vindiziert. Der Charme dieser Errungenschaft liegt – nach westeuropäischen Maßstäben – darin, dass sie aus sich selbst heraus entstanden ist, sich gebildet hat und sich am vollkommensten dort ausbildet, wo sie sich ungestört entfalten kann. Mit anderen Worten: unter der Voraussetzung der Freiheit. Freiheit und Bildung sind untrennbar, Wissenschaft folgt keiner Fremdherrschaft, weshalb sie niemandem aufgezwungen werden kann. Und gerade deshalb ist sie für viele Menschen so attraktiv. Man sieht ihr die Ideologien nicht an, weil sie reinste Ideologie ist. Zivilisierte Freiheitskämpfer werfen sich gerne den Mantel der Wissenschaft über: Die Autokraten locken sie darin mit Technik und Wohlstand, zielen aber treffsicher auf Freiheit. Wissenschaftsfreiheit ist für sie ein Pleonasmus wie die Freiheit der Wissenschaftsfreiheit.

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