BAföG am Ende

Das 1971 eingeführte BAföG ist am Ende. Zu lange schon atmet das Gesetz den Muff räteliberaler Strickpullover, dessen Penetranz über die Konsumansprüche einer privilegierten Studentenschaft hinaus inzwischen weithin ruchbar wird. Die Gesellschaft hat sich geändert. Grundlegend. Deshalb ist es mit Reformen nicht mehr getan. Das BAföG hat eine Generation in eine Position gefördert, aus der heraus sie in der Lage sein sollte, diese Form der Förderung abzuschaffen.

Der Kern des BAföG ist so hart wie exklusiv: Gefördert wird ausschließlich ein Erststudium in Vollzeit bis zum 35. Lebensjahr. Der Anteil dieser Spezies Studierender wird aber immer bedeutungsloser: BAföG bezieht heute nur jeder fünfte Studierende, 1971 war es noch jeder zweite. Entsprechend weniger Geld wird verteilt: 2,2 Milliarden Euro – zehn Prozent weniger als vor fünf Jahren. Das fehlende Kleingeld zum Leben verdienen sich die Studierenden mit Gelegenheitsjobs. Was wiederum so viel Zeit beansprucht, dass nunmehr gerade mal 37 Prozent der Studierenden ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen.

Der Zwang zur Erwerbsarbeit wird genährt durch den steten Zustrom mittelloser Studierender: 14 Prozent der Geförderten verlieren ihre Förderung aufgrund eines Fachrichtungswechsels; weitere 12 Prozent aufgrund fehlender Leistungsnachweise. In diesem System sind die Menschen selbst nach der Reifeprüfung nicht mündig, ist ihnen ohne schulmeisterliche Kontrolle nicht zu trauen. Sonst würden sie ja nicht aus 17.000 Studiengängen auf Anhieb richtig wählen, nicht eisern und engstirnig an ihrer Wahl festhalten, sie würden womöglich mit Kombinationen oder Abfolgen einzelner Studiengänge experimentieren.

Die Studierenden kommen heute längst nicht mehr aus pietistischen Großfamilien, in denen partnerschaftliche und finanzielle Verbindlichkeiten zu einem Paket geschnürt sind. Sie sind Teil einer akademisierten Demokratie auf dem Weg zur Gelehrtenrepublik, in der kaum ein Lebensentwurf vorbei an Hochschulen möglich ist. Da ist es fatal, wenn Einzelne zurückbleiben, wenn in einer sich segmentierenden Gesellschaft die bildungsferne Schicht den Bodensatz bildet. Bedenkt man, dass 37 Prozent der Abiturienten dieser Schicht aus Angst vor einer Verschuldung erst gar keinen Antrag auf BAföG stellt, wird das Ausmaß der sozialen Selektion durch den Umstand potenziert, dass 70 Prozent der Anträge junger Menschen ohne studierte Eltern abgelehnt werden.

Bedenkt man zudem, dass in Deutschland neben dem BAföG weitere 80 Förderinstrumente existieren, die am leichtesten von denjenigen bespielt werden, die mit dem bundesrepublikanischen Bildungssystem vertraut sind, kann man sich der Empfehlung der Friedrich-Ebert-Stiftung kaum verschließen, das BAföG sukzessive in ein grundlegendes und übergreifendes Fördererinstrument zu wandeln und steuer-, sozial- und förderungsrechtliche Regelungen kongruieren zu lassen, damit die Förderung aus einer Hand erfolgt. Langfristig kann das nur in eine allgemeine und gleiche Förderung aller Gesellschaftsglieder bedeuten. Damit sparte man weit mehr als nur die sechs Stunden, die man zum Ausfüllen eines BAföG-Antrages benötigt.

Ist Bildung das Ziel einer Gesellschaft, verschiebt sich das Ziel mit seiner Erfüllung, und sie legt mit jeder Erfüllung die Grundlagen ihrer selbst neu. Bildung als permanenter Übergangszustand von einer abgeschlossenen Vergangenheit in eine offene Zukunft kann ihre Bewertungsmaßstäbe nur aus sich selbst heraus generieren, weshalb ihre Förderung nur unbedingt erfolgen kann, sozusagen in einer vorwärts getriebenen Multiflexion der Gesellschaft auf sich, auf die Gesellschaft als eine sich bildende und nicht bezogen auf daraus ektomierte Kategorien wie derzeit Erststudierende unter 35 Jahren. Führt die von der Friedrich-Ebert-Stiftung angestoßene BAföG-Diskussion um Bedarfssätze, Frei- und Pauschbeträge zu einer unbedingten Förderung Aller, hätte das BAföG am Ende sein Ziel erreicht.

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