Störfaktor Wissenschaft

Wissenschaftler sind noch weniger als nutzlos, sie stören den Betrieb. Zumindest den Betrieb des baden-württembergischen Verbraucherministers Peter Hauk. Der CDU-Politiker aus dem Odenwald redete gestern im Plenum zur Änderung tiergesundheitsrechtlicher Vorschriften Tacheles. Entgegen seiner Gewohnheit holte Hauk bei der Tierseuchenbekämpfung weit aus und schlug in gewohnt blasierter Unbefangenheit zu – mitten ins Gesicht der Wissenschaft.

Man könne, so der Minister mit Blick auf Reinhold Gall von der SPD, an den Vorschriftsänderungen nur bemängeln, dass das wissenschaftliche Personal nicht einbezogen worden sei. Kann man wirklich? Offenbar nicht. Hier liegt kein Mangel vor, sondern politische Absicht! Denn Hauk fügt unmissverständlich hinzu: „Wissenschaftler kann man bei der praktischen Tierseuchenbekämpfung nicht gebrauchen.“ Wozu auch? Wirksame Seren synthetisiert und appliziert der Diplom-Forstwirt in Adelsheim so ganz nebenher. Seinesgleichen, also die Praktiker, sind gefragt in einer Krisensituation wie der des Ausbruchs der Vogel-Grippe. Selbstredend.

Und der Minister redet weiter: „Die Wissenschaftler sollen lieber das tun, was sie können, und nicht die Praxis am Ende stören!“ Ja aber, was können Wissenschaftler denn? Offenbar alles außer Praxis. Das lässt tief blicken. Im Handumdrehen verkommt der vielbeschworene Wissenstransfer aus den Universitäten zur bloßen Makulatur. Hauk zimmert dem anachronistischen Elfenbeinturm noch ein paar Etagen hinzu und verriegelt die verbliebenen Ausgänge. Die Botschaft könnte klarer kaum sein: Möge der Politik sämtliches Wissen fernbleiben – zumindest dort, wo ein Handeln unumgänglich ist.

Absurderweise sind sich Minister und Landesrektorenkonferenz in diesem Punkt einig. Denn letztlich will Hauk eine Einmischung von Wissenschaftlern verhindern, die sich gar nicht einmischen wollen: die Landesrektorenkonferenz will nämlich ihrerseits verhindern, dass Tierärzte von Hochschulen zur Mitarbeit an unteren Landesbehörden verpflichtet werden können. An Forschungseinrichtungen seien Tierärzte nur dann abkömmlich, wenn deren Tierbestand nicht gefährdet sei und begonnene Tierversuche nicht abgebrochen werden müssten.

Diesen Standpunkt hatte Gall kritisiert. Angesichts einer akuten Seuchengefahr hat seiner Meinung nach das öffentliche Interesse Vorrang vor den Interessen akademischer Einrichtungen. Auch ohne Parteinahme sollte die Komplexität dieser Meinungsverschiedenheit mit einem Universitätsdiplom an der Brust eigentlich zu bewältigen sein. Dass dem nicht so sein muss, kann – wie hier –ein Glücksfall sein; denn auch Thoren zünden mal ein Lichtlein an. Mit seiner abenteuerlichen Negation der Negation bezieht Hauk wissenschaftspolitisch Stellung in jeder nur wünschenswerten Klarheit: wenn’s ernst wird, stört Wissenschaft nur. Das ist so klar wie dumm. Gäbe es eine Epidemie der Dummheit, dann wäre das grün-schwarze Kabinett in Stuttgart mit der Seuchenbekämpfung in den eigenen Reihen ausgelastet.

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