Marsch in die Demokratiemündigkeit

Die Wissenschaft marschiert. Sie marschiert in die Demokratiemündigkeit. Denn die Wissenschaftler, die sich am Marsch der Wissenschaft beteiligt haben, klagten weniger über Budget- oder Gehaltskürzungen als vielmehr über fehlenden Einfluss. Damit hat sich im 21. Jahrhundert das Selbstbild der Wissenschaft entscheidend gewandelt.

Der Ruf nach Einfluss ist unüberhörbar. Die Gesetzgebung müsse sich an gegebenen Gesetzen orientieren, die Gesellschaft sich über der Natur errichten. Die Natur steht damit im Range der ursprünglichen Gesetzgeberin. Sie ist der eigentliche Souverän. Schließlich ruhe gute Politik auf guter Wissenschaft. Doch die Naturgesetze sind nicht mehr als die folgsamen Kinder der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts, die inzwischen erwachsen geworden sind. Und ihre Väter entlassen sie nun in die gesellschaftliche Wirklichkeit, weil sie anders gar nicht können.

In der Gesellschaft aber haben es die sogenannten harten Fakten mit ganz anders gearteten Hardlinern zu tun, von denen sturköpfige Politiker nur einen vernachlässigbar geringen Anteil ausmachen. Die stolzen Forschereltern machen gerade die schmerzhafte Erfahrung, dass der Übergang ihrer Kinder aus dem behüteten Labor in die soziale Selbstständigkeit kein glänzender Selbstläufer im Applaus der Öffentlichkeit ist. Sie müssen dafür kämpfen, dass die von ihnen geliebten Kinder bei Anderen Anerkennung finden. Denn um die gesellschaftliche Anerkennung von Forschungsergebnissen geht es beim Marsch der Wissenschaft.

Forschungsergebnisse lassen sich in einer demokratischen Gesellschaft nicht einfach dekretieren. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung ist ein soziales Ereignis erst im Larvalstadium. So wenig wie Wissenschaftszeitschriften rechtswirksame Gesetzesblätter sind, so wenig sind Bürgerinnen und Bürger bloß passive Empfänger wissenschaftlicher Sakramente. Als Bürger sind sie Wissenschaftlern gleich. Und beim Entpuppen von Forschungsergebnissen in ihre Lebenswelt helfen sie durchaus mit.

Das Bewusstsein, dass man um die Wahrheit – über die Argumentation oder das Experiment hinaus –  ringen muss, dass einem die intellektuelle Gefolgschaft nicht einfach geschenkt wird, entzündet sich nicht zufällig an den Klimawissenschaften. Jeder Bürger ist integraler Bestandteil des Klimas, als Entdecker und als Scharlatan, als Täter und als Opfer. Das Klima kommt als Wetter tagtäglich in die Wohnstube der Bürger: Klima geht uns alle an. Und dieses Angehen eröffnet ein Mitspracherecht.

Daran müssen sich viele Wissenschaftler erst noch gewöhnen. Der Weg zur Mündigkeit ist steinig, aber nicht feindselig. Dass ein Forschungsergebnis in Frage gestellt wird, ist der normale Gang der Wissenschaft; zum Aufreger stilisiert wird das nur, wenn die Hierarchie nicht eingehalten wird, die Studentin den Professor anzweifelt oder schlimmer noch, wenn ein extramurales Wesen (ein Zahnarzt, ein Busfahrer und Ähnliche) eigene Erkenntnisansprüche stellen. Das ist, mehr als verständlich, zäh bis zur Unerträglichkeit, aber unausweichlich, wenn Wissenschaft demokratisch sein soll und umgekehrt.

Diese allmähliche Demokratisierung der Wissenschaft darf nicht am viel beschworenen Extrem ihrer Diskreditierung zugrunde gehen. Sie kann und wird ihre Feinde überstehen. Sie wird sie überstehen, weil es an einer belastbaren Alternative fehlt, sowohl zur Wissenschaft als auch zur Demokratie. Eine Gesellschaft, die nicht von der Wahrheit und den Menschen getragen ist, bietet weder Bestand noch Perspektive. Wo in einer demokratisierten Wissenschaft etwas in Frage gestellt wird, findet sich darauf eine Antwort, wenn auch vielleicht nur temporär.

Die Klimaleugner zeichnet ja gerade aus, dass sie zur tatsächlichen Infragestellung völlig unfähig sind. In blasierter Selbstherrlichkeit halten sie was invariant ist aus Mangel an Kenntnissen und an geistiger Flexibilität für unumstößliche Gewissheiten. Die individuelle Unverfügbarkeit von Beweisen erklären sie kurzerhand zum Beweis ihrer Unfehlbarkeit. Das ist leicht durchschaubar. Nicht weil ich das sage, sondern weil man in einer Demokratie darauf vertrauen darf, dass durch die Gleichheit aller alle am Ende zu den gleichen (Forschungs-) Ergebnissen kommen.

Auf dem Weg dahin werden Wissenschaftler kein Vorrecht eingeräumt bekommen, das sie im Übrigen auch noch nie hatten. Zwar werden die Mächtigen nicht müde, die Macht des Wissens zu betonen, entscheiden dann aber doch regelmäßig auf der Beziehungsebene. Kontakte, nicht Wissen, sind der Grundpfeiler der Macht. Und die geht einher mit der Position in der Gesellschaft. Wissenschaftler aber waren noch nie in der Position der Mächtigen, nie auf Augenhöhe mit Politikern.

Ihr nicht seltenes Herabblicken auf die profane Politik mutet da fast schon rührselig an. Es entsprang einem verklärten Narzissmus, dessen Schleier sich langsam zu heben scheint. Es wird immer deutlicher erkennbar, dass der Weg zur Erkenntnis auf die Straße führt und nicht auf die Kanzel. So geht von den demonstrierenden Wissenschaftlern ein sozialer Realismus aus, der zu einem realen Sozialismus auswachsen kann, wenn weiterhin Politik wissenschaftlicher und Wissenschaft politischer wird. Schritt für Schritt von Marsch zu Marsch.

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