Reallabore starten durch in Baden-Württemberg

Radikale Veränderungen in kurzer Zeit sind laut der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer erforderlich, damit die Wende zu mehr Nachhaltigkeit gelingt. Auslösen sollen die Veränderungen sieben Reallabore im Südwesten, für die die Ministerin am Donnerstag in Stuttgart den Startschuss gab.

 

Wie man Energie und Ressourcen sparend sowie Umwelt schonend in Stadt und Land leben kann, soll in Freiburg, Karlsruhe, Heidelberg, Stuttgart und Dietenheim erforscht werden von den Landeshochschulen, die bei den Reallaboren federführend sind, zugleich aber möglichst viele Akteure in ihre Feldforschung einbeziehen sollen.

 

In den Reallaboren stecken Verbände, Initiativen, engagierte Bürgerinnen und Bürger den Rahmen der Forschung genauso ab wie Universitätsinstitute, Politik, Behörden oder Unternehmen. Und sie sind ebenbürtig beteiligt an der Ausführung und Auswertung der ausgetüftelten Realexperimente.

 

Während sich die meisten Reallabore um städtische Nachhaltigkeit kümmern und mit alternativen Mobilitätskonzepten, Reparaturcafés, Genossenschaften oder dem Warenverkauf ohne Verpackungen experimentieren beziehungsweise nach einer Mehrfachnutzung von Räumen suchen, beispielsweise als Produktionsstätte und Lagerhalle zugleich, geht es im Nordschwarzwald darum, die gesamte Region samt jüngst beschlossenem Nationalpark nachhaltig zu gestalten.

 

Dazu veranstalten die Universität Freiburg und die Hochschule Rottenburg im Juni mit ihren Partnern eine Wissensmesse, auf der öffentlich mögliche Forschungsfelder erörtert werden. Ein paritätisch aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammengesetzter Beirat formuliert daraus ein Forschungsprogramm, das Akademiker und Nicht-Akademiker dann im Tandem abarbeiten.

 

Die Demokratisierung der Wissenschaft ist in dieser Form nicht neu. Früher hießen die Reallabore Wissenschaftswerkstätten oder Aktionsforschung. Neu ist, dass die Demokratisierung von einer Landesregierung initiiert wird. Über sieben Millionen Euro lässt sich das Wissenschaftsministerium die Reallabore für drei Jahre kosten. Und die nächste Staffel ist bereits ausgeschrieben. Dadurch entfaltet die Öffnung der Wissenschaft für die breite Öffentlichkeit eine ganz neue Stoßkraft.

 

Genug jedenfalls, dass der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, bereits die wissenschaftlichen Standards gefährdet sieht. So als wären die invariant gegenüber dem wissenschaftlichen Fortschritt. Zumal die von der DFG formulierten Standards weniger rationale als soziale Normen betreffen, wie das Fabrizieren von Daten oder das Täuschen von Mitmenschen.

 

Rational ist Wissenschaft, insofern ihr Vorgehen für jedermann nachvollziehbar ist, das heißt insofern sie bewährte Methoden anwendet. Egal ob beim Aufbau und Ausführen eines Versuchs, beim Erstellen und Auswerten eines Fragebogens, ob beim Beweis eines Theorems oder ganz allgemein bei der Entwicklung eines Argumentes zeichnet sich Wissenschaft gegenüber Religion und Kunst dadurch aus, dass sie regelgeleitet vorgeht und sich so unabhängig macht von der individuellen Erfahrung.

 

In diesem Sinne festigt die Wissenschaft ihre Standards sogar, wenn die Reallabore nun das Anwendungsgebiet der Methoden erweitern, um herauszufinden, inwieweit die Methoden sich im gesellschaftlichen Kontext bewähren. Dass auch Nicht-Akademiker beteiligt sind an der Anwendung der Methoden und an der Beurteilung, ob sie sich bewähren, hat in der Tat das Potential, in der institutionalisierten Wissenschaft etablierte Verhaltensmuster zu sprengen, Verhaltensmuster, die sich fernab jeglicher Erkenntnisorientierung eingeschliffen haben zu bloßen Sprossen der akademischen Karriereleiter.

 

Insofern nicht-akademische Reallaboranten vom Ausgang eines Realexperimentes akademisch nicht profitieren, schützen sie vor Manipulationen und Beschönigungen besser als jede Selbstverpflichtung zu guter wissenschaftlicher Praxis. Die scheint der DFG-Präsident gegen Verbesserungen immunisieren zu wollen.

 

Angesichts des institutionellen Gegenwindes benötigen die akademischen Reallaboranten eine gehörige Portion Mut, um sich auf die Konfrontation mit Nicht-Akademikern einzulassen und quer zu etablierten Pfaden eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, wie Uwe Schneidewind, der Leiter des Wuppertal Instituts für Umwelt, Klima, Energie, in Stuttgart erklärte.

 

Dieser Mut gehört zur Demokratisierung unserer Gesellschaft. Er erreicht erfreulicherweise eine wachsende Anzahl von Wissenschaftlern. Die 32 Antragsteller für Reallabore in Baden-Württemberg trauen sich jedenfalls, anders als die DFG, auf die Öffentlichkeit einzugehen. Sie tragen persönlich dazu bei, dass Entscheidungen auf wissenschaftlicher Grundlage Eingang finden in die Gesellschaft. Die DFG dagegen hat schon seinerzeit die Bundesregierung dazu aufgerufen, die Bedenken großer Teile der Bevölkerung gegenüber dem Atomstrom zu ignorieren. Es ist also an der Zeit, dass auch die DFG die Autorität von Realexperimenten in der Wissenschaft anerkennt.

One thought on “Reallabore starten durch in Baden-Württemberg

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