Die Wissenschaft in Haushaltsberatungen

Die Grünen sind in Baden-Württemberg offen für eine offene Wissenschaft. Schön. Oder sollte man ‚offen‘ sagen? Es gibt einfach Eigenschaftswörter, die jedes Hauptwort schön aussehen lassen. ‚Offen‘ gehört dazu. Wissenschaft allein stehend, nur für sich, scheint als ihre Existenzberechtigung nicht mehr auszureichen. Wir wollen eine offene, demokratische, partizipative, kommunitäre, nachhaltige, robuste, digitale, innovative, exzellente und effiziente Wissenschaft 4.0. Superschön! Von was war doch gleich die Rede?

 

Die Rede ist von der Wissenschaft, einer sozial vernetzten, deren unvermeidliche Transaktionen als Wissenstransfer verbucht werden. Wissen ist nämlich auch schön. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die wissende bzw. weise Wissenschaft – vulgo Philosophie – zu neuen Ehren im Haushaltsmarketing kommen wird. Freilich werden die Grünen dann keine Regierungsverantwortung mehr tragen.

 

Für die grün-schwarze Landesregierung ist die Wissenschaft vor allem eines: elitär. Und wer allein schon in ihren Dunstkreis gerät, darf sich dieser Elite zugehörig fühlen. Schaut her: Die kleinen Könige und ihre großen Universitäten – repräsentativ eingerichtete Luftschlösser, die ihre Träumer dekorieren mit dem Flair einer künstlerischen Avantgarde, die keinen Konventionen Rechenschaft leisten muss und sich stattdessen mit der leichten Geste überfliegender Intellektualität entschuldigt.

 

Da muss doch wirklich gekrönt werden, wer das Gedankenkorsett unserer monokulturellen Wissenschaft ablegt und abseits der ausgetrampelten Karrierepfade neue Denkwege einschlägt, deren Charakteristikum im Wesentlichen ihre Einzigartigkeit ist. Mutige Wissenschaft nennen die Grünen das. Noch so einen Schön-Adjektiv!

 

Ganz schön mutig, die grüne Politik, mag sich mancher am Kabinettstisch gedacht haben, als sie im Dezember 2016 den Preis für mutige Wissenschaft auslobten. Gekürt werden jedoch nicht die mutigsten Wissenschaftlerinnen, sondern die mutigen und erfolgreichen – was sich doch etwas beißt. Verbissen hat sich jedenfalls die FDP in den Preis; sie möchte ihn am liebsten abschaffen. Da wird der Reichsapfel zum Zankapfel.

 

Verlässt man die Höhen einer ästhetisierten Wissenschaft, die zu Kronjuwelen poliert den aristokratischen Anspruch demokratischer Volksvertreter repräsentiert, und steigt hinab in den Kohlenkeller hart erarbeiteten Wissens, das die oberen Etagen akademisch wärmt, hat man es mit Kohlenstaub und Kohlenstoff zu tun, der noch nicht zu Diamanten verdichtet ist. Dort, wo Glanz und Gloria der Wissenschaft (und des Landes) wurzeln, trifft man auf die SPD, die allein berufen scheint, sich den Kleinen anzunehmen.

 

Ihrem traditionellen Ansatz der Gesellschaftsbildung durch Schulbildung getreu fordern die Sozialdemokraten in Stuttgart den Ausbau von Studienplätzen an Pädagogischen Hochschulen für das Lehramt Grundschule. Doch wird dieser Forderung weniger Erfolg beschieden sein. Schließlich liefe Baden-Württemberg dann Gefahr, dass sich eine Generation heranbilden könnte, deren Wissenschaftsverständnis sich nicht im Beklatschen von Laureaten und Laudatoren erschöpft.

 

Eine Generation, die Wissenschaft lebt, benötigt weder Zepter noch Zertifikate. Sie wird nicht regiert und lässt sich nicht regieren; sie regiert sich selbst, indem sie den Beitrag des Selbstdenkens zur gemeinschaftlichen Wohlfahrt erkennt und schätzt. Grenzen liegen allein in der individuellen Leistungsfähigkeit, Internationale Zusammenarbeit ist dann – auch in der Wissenschaft – eine Selbstverständlichkeit.

 

Eine derart entgrenzte Freiheit muss eine Partei mit totalitärem Selbstverständnis erschaudern lassen. Stipendien und Studienbeihilfen zur internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit will die AfD jedenfalls streichen: „Die Förderung einer Migration über die Hochschulen und Universitäten ist nicht Aufgabe des deutschen Steuerzahlers“, heißt es in einem ihrer Änderungsanträge. Sollen doch die andern blechen!

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