Gedanken zum Weltwissenschaftstag

Am 10. November ist es wieder soweit. Zum 18. Mal sind wir aufgerufen, über den Beitrag der Wissenschaft zu Frieden und Entwicklung in der Welt nachzudenken. Gut so. Die Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen wird am Weltwissenschaftstag wieder illustre Preise vergeben – bis auf den für Forscherinnen aus Entwicklungsländern. Nicht so gut.

 

Seit, natürlich nur koinzident, China nicht mehr zu den Entwicklungsländern zählt und aus den Sowjetstaaten keine Forscher mehr nach Südamerika auswandern, konzentriert sich die Weltwissenschaft bei der Vergabe ihrer Lorbeeren wieder auf Landwirtschaft und Technik. Damit ist nach dem Frieden ganz offenbar auch das Motiv der Entwicklung gefallen, das den kapitalen Quell des Wissenschaftsbegriffs der Unesco noch halbwegs verdeckte. Der Ruf nach Wachstum und Nachhaltigkeit klang sowieso nie wirklich überzeugend.

 

Dabei waren die Ambitionen der Unesco von 1999 alles andere als zu zaghaft ein. Den Mitgliedsstaaten ging es laut ihrer verabschiedeten Erklärung um nichts Geringeres als den Fortbestand und die Evolution des Universums. Drunter ging es nicht. Nicht mehr das Global Village hatten sie im Blick, sondern den Universal Planet. Schließlich muss man den Krieg der Sterne schon arg verinnerlicht haben, will man mit der schützenden Diktion von Fortbestand und (Weiter-) Entwicklung ein wie auch immer geartetes Wachstum in Verbindung bringen.

 

In der Erklärung ging es jedenfalls noch um eine Neugestaltung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft. Frieden, Fortschritt und Entwicklung waren die Leitbilder. Das Projekt Weltwissenschaft hatte ein Ziel, zu dem alle Wissenschaftler aller Disziplinen vereint beitragen sollten; es hatte eine Perspektive, die darin bestand, dass jede Wissenschaftlerin ihre Perspektive auf ein Problem einbringen sollte. Ja, der Wert der Wissenschaft wurde als Wert ernst genommen und in seiner Moralität nicht nur bestätigt, sondern gar als Frieden bringend beschworen.

 

Eine „intellektuelle Solidarität“ sollte sie auszeichnen, die friedliche, Frieden bringende Weltwissenschaft. Davon hätten wir gerne mehr, zumindest mehr erfahren. Mehr von Solidarität und Kooperation statt Konkurrenz und Huldigung, mehr von Freiheit in Frieden statt Freiheit in Deregulierung. Die Initialzündung für ein Nachdenken über Wissenschaft im großen, universalen Maßstab ist verpufft zu blauen Dunst zwischen Nobel- und Templeton-Preisen. Aber, immerhin, sie war zu hören.

 

Wo nun die Unesco dem Kosmetikkonzern l’Oréal die Bühne für einen Preis für Nachwuchswissenschaftlerinnen überlässt, dürfte die Botschaft kaum anders aufzufassen sein, als wenn die Baumarktkette Obi einen Preis für ihre männlichen Mitstreiter vergäbe. Wir aber, die wir den Schuss gehört haben, sind nach wie vor aufgefordert, über kollektive Solidarität nachzudenken, ohne sie auf individuelle Privilegien zu verkürzen.

 

Ein Nachdenken könnte uns beschleichen, das traditionellen und lokalen Wissensformen die Perspektive einräumt, ihre Perspektiven auf den Planeten (und das Universum) in die Weltwissenschaft einzubringen, bevor dieselbe völlig zum technokapitalen Dogma erstarrt. Sonst fallen Wissenschaftlerinnen aus Entwicklungsländern schon deshalb hinter ihre preisgekrönten Kolleginnen aus den Industriestaaten zurück, weil ihr Wissen von der kapitalistischen Verwertungskette ausgeschlossen bleibt.

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