Wenn Kunst aus der Art schlägt

Der Landtagsabgeordnete Rainer Balzer ist promovierter Maschinenbauer, weshalb er natürlich besser weiß, aus welchem Werkstoff Beat Zoderer die Bauernfigur für das Besucherzentrum des Parlaments hätte fertigen sollen. Und er ist Mitglied der AfD, weshalb er natürlich besser weiß, was „echte Kultur“ ist. Hohe Zeit also, im Hohen Haus in Stuttgart zu verkünden, „was Kunst ist und was keine Kunst ist.“

 

Das Wesen der Kunst macht Balzer an ihrem Unwesen fest. Ihn stören politische Botschaften eines Kunstwerkes, die in dem Missverständnis, „mit der Kunst Politik zu machen“, gründeten. Skulpturen wie der im Foyer des Landtags ausgestellte 180 cm hohe und 322 kg schwere Spülschwamm des Deutsch-Iraners Michel Abdollahi, der das Aufsaugen von Fremdenhass symbolisiert, wirken auf ihn „banal und plakativ“. Künstlerisches Können kann Balzer keines erkennen. Was an großen Gedanken fehle, werde durch räumliche Größe ersetzt.

 

Kunstgeschichte ist für den AfD-Politiker, der bis 2016 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg unterrichtet hat, eine Geschichte des Fortschritts zu immer höherer „Darstellung des Schönen“. Als dekoratives Produkt durchläuft Kunst eine technische Entwicklung mit erlebbaren Wesensmerkmalen: vom Löwenmenschen zu Giacometti gelangt man genauso wie vom Pferdegespann zu Ferrari. Jedenfalls gelte das für die „europäische Kunst“ – und das europäische Volk. Denn „andere Völker“ hätten die bildhafte Gegenständlichkeit noch nicht überwunden, so als gäbe es außerhalb Europas noch nicht einmal beschlagene Holzräder.

 

Schon die selbstgerechte Höherentwicklung der eigenen Kultur, die dazu verleitet, zwischen „unserer Kunst“ hier und „steinzeitlicher Kunst“ dort zu unterscheiden, widerstrebt zutiefst jedem ‚höherentwickelten‘ Verständnis künstlerischer Freiheit; sie ist nichts geringeres als ein Frontalangriff auf den grundgesetzlich verbrieften Schutzraum, in dem der Kunst die autonome Errichtung ihrer Bewertungsmaßstäbe gewährt wird. Balzers völkische Vorschriften künstlerischen Ausdrucks in Form eines AfD-TÜV für „zulässige Dekoration in der bildenden Kunst“ kündigen unverhohlen einen nicht hinnehmbaren Eingriff in die Grundwerte einer freien Gesellschaft an.

 

Was muss ein Kulturpolitiker noch sagen, damit sich die Kultur empört? Was könnte der Kunst Schlimmeres widerfahren als eine gesinnungsgeprüfte Zulässigkeit? Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, die Multikulturalismus, soziale Gerechtigkeit oder Gleichstellung der Geschlechter thematisieren, würde Balzer nicht zulassen. Warum aber lässt der angesprochene Württembergische Kunstverein solche Äußerungen unwidersprochen zu? Die Kunstvereine im Land haben doch einschlägige Erfahrungen gemacht, die sie mehr als nur aufhorchen lassen sollten. Schließlich hat manche Gefahr sich als größer herausgestellt, als dass man sie durch ein beherztes Entgegentreten noch hätte aufwerten können.

 

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