Die Probleme des Militärs mit den Sozialwissenschaften

Die behördliche Militärforschung der Vereinigten Staaten will die wissenschaftliche Spreu vom sozialwissenschaftlichen Weizen trennen. Das kann nicht gut gehen. Dem erfolgreichen Abschluss stehen sowohl die Behörde als auch der Gegenstand selbst entgegen.

 

Dabei könnten die Voraussetzungen für die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) kaum besser sein. Während die Forschungsausgaben in den USA kontinuierlich sinken und im Verhältnis zum Gesamthaushalt auf dem historischen Tiefpunkt von 3,8 Prozent angekommen sind, müssen sich die Forscher im Dienste der Streitkräfte um Geld keine Sorgen machen. Flossen 1940 gerade mal 29,6 Millionen Dollar in die Rüstung, waren es 1945 schon 1,4 Milliarden Dollar, 1980 ging‘s weiter rauf auf 40 Milliarden Dollar und 2016 schließlich auf 76,6 Milliarden Dollar – über die Hälfte des Gesamtbudgets für Forschung.

 

Irgendjemand muss denn Militärstrategen aus Virginia vor kurzem zugeflüstert haben, dass die Staaten nicht sichert, wer nur Saloon-Türen aufstößt, um aus der Hüfte alles niederzuballern, was sich bewegt. Es soll von Vorteil sein, wenn man Terrain und Gegner kennt. Ja, besser ist das. Das Wissen um die soziale Identität der Bevölkerung, Anpassungsbereitschaft und Gehorsam der Menschheit gegenüber Maschinen, ihre Radikalisierung über soziale Medien, die sozialen Voraussetzungen kooperativen Verhaltens oder die Kenntnis von Faktoren, die Staaten stabilisieren bzw. destabilisieren und Ähnlichem lassen sich ohne großen Aufwand in die Dienste der Staatssicherheit stellen.

 

Der Mythos vom kontrollierbaren Krieg oder gar der Unbesiegbarkeit scheint mit neuem Schwung vor der Aufklärung über den Atlantik geflüchtet zu sein. Als Schwachstelle der modernen Technik gilt seinen Anhängern der Mensch. Das Risiko globaler Zerstörung und endgültiger Vernichtung lässt sich dem Mythos zufolge in dem Maß eindämmen, wie der Mensch technisch kontrolliert werden kann. Die Bedienungsanleitung dazu sollen die Sozialwissenschaftlerinnen schreiben. Doch das tun die Sozialwissenschaftlerinnen nicht; zumindest nicht so, wie die DARPA es gerne hätte. Im Unterschied zu ihren Schaltplänen für Roboter oder Drohnen findet sich in den Artikeln von Sozialwissenschaftlerinnen kein Schalter, der Individuen, Gruppen oder Staaten in Bewegung setzt.

 

Das irritiert die Ingenieure. Ganz angelsächsische Pragmatiker machen sie sich auf, den Sozialwissenschaften Standards zu setzen, an deren Ende ein solcher Schalter winkt. Wäre ja gelacht, wenn die siegessicheren Strategen den widerständigen, polyphonen Sozialwissenschaftlerinnen nicht auf die Sprünge helfen könnten! Statt nun, was mit den Forschungsetat im Rücken ein Leichtes wäre, selbst die sozialen Zusammenhänge zu studieren, unterstellt die DARPA ad hoc eine wahrheitswertige Dichotomie sozialwissenschaftlicher Veröffentlichungen in der Hoffnung, die wahren Befunde von den falschen irgendwie scheiden zu können.

 

Was keiner Philosophin denkend je gelungen, soll nun technologisch oder zumindest partiell technologisch möglich sein. Algorithmen zur Prüfung von Statistiken, automatisierte Meta-Analysen und Netzwerkanalysen sollen maschinengelesene Veröffentlichungen aufbereiten für Filesharing- und Crowdworking-Plattformen, wo schließlich aus dem Wust rivalisierender Hypothesen diejenigen destilliert werden, die als gesichert gelten dürfen. Am Ende der Destille soll jede sozialwissenschaftliche Studie mit einem ihr eigenen Konfidenzniveau ausgezeichnet werden. Mit einem Index des Misstrauens.

 

Den DARPA-Leuten scheint das Dilemma nicht bewusst, in dem sie sich befinden. Sind die Sozialwissenschaftlerinnen so unfähig, wie sie von ihnen dargestellt werden, werden sie sich kaum auf auch nur ein einziges Konfidenzniveau einigen können. Sind die Sozialwissenschaftlerinnen dahingegen doch fähig, dann braucht es in den Sozialwissenschaften nicht zusätzlich noch ein Konfidenzniveau. Solange also die Forschungstechnokraten kein sozialwissenschaftliches Argument vorbringen, laufen ihre Apparate und Programme leer: Die Bewertung sozialwissenschaftlicher Studien folgt mit und ohne Apparate und Programme letztlich sozialwissenschaftlichen Kriterien, wie sie Sozialwissenschaftler vor dem Einsatz von Apparaten und Programmen in Anschlag gebracht haben.

 

Die DARPA möchte Offensichtlich Zugriff haben zu Erkenntnissen, die sich denjenigen entziehen, die sie hervorgebracht haben. Und das ohne sich selbst um eine Erkenntnis bemüht zu haben, ohne selbst nachgedacht zu haben. Darin liegt der Fehler, die Gefahr. Wer glaubt, sich des Selbstdenkens entledigen zu können, fällt notwendig vor die Aufklärung zurück in eine prämoderne Haltung. Er betreibt vorsätzlich die Verelendung der Wissenschaft, entfremdet eine Wissenschaftlerin ihres Gegenstandes, indem ihr die kreative Einsicht entzogen und an deren statt ihr ein im Wesentlichen maschinell erzeugtes Maß vorgelegt wird, zu dem sie mit der Zeit immer weniger beiträgt und dessen Entstehung und Zusammensetzung ihr immer mehr verborgen bleibt.

 

Mit ihrem unidirektionalen Vorhaben trägt die DARPA augenscheinlich, entsprechend den Produktionsverhältnissen im industrialisierten Produktionsprozess von Artikeln und Apparaten, den Klassenkampf aus zwischen einerseits dem Proletariat massenhafter Forscherinnen, die sich für wenig Ruhm in den Grundlagenwissenschaften aufopferungsvoll aufreiben, und zwischen andererseits der Industrie privilegierter Rüstungsforscher, die im Wissenschaftsbetrieb die von den Forscherinnen produzierten Erkenntnisse, also den Mehrwert wissenschaftlicher Veröffentlichungen, für sich vereinnahmen wollen.

 

Positiv gewendet befördert der Bauplan eines Detektors für sozialwissenschaftliche Wahrheit die institutionelle wie öffentliche Diskussion des Wissenschaftsbetriebs mit all seinen Hierarchien und Mechanismen, seinen materiellen wie immateriellen Produkten und deren Validität sowie der Stellung und Bedeutung wissenschaftlicher Praktiken in der Gesellschaft, in denen sich die Wissenschaftspolitik widerspiegelt und motiviert. Mit der automatisierten Wahrheitsfindung nur in den Sozialwissenschaften haben jedenfalls die Militärstrategen ihre wissenschaftspolitische Position unverstellt durchblicken lassen.

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