Unpraktische Praxis

Studierende wünschen sich laut aktueller Umfrage des Studierendenwerks mehr Praxisbezug im Studium. Viel wünschenswerter wäre allerdings mehr Praxisbezug in Umfragen! Denn was soll mehr Praxisbezug im Studium schon heißen? Um welche Praxis geht es denn? Ist das Studium zu einer Praxis verkommen, zu der Studierende keinen Bezug mehr haben? I wo, die Studierenden wünschen sich nach dem Studium schlicht und wenig überraschend ein Auskommen; genauer gesagt, eine Beschäftigung, von der sie leben können.

 

Dass 84.000 Studierende ihr Studium für ein Praktikum in Industrie und Wirtschaft unterbrechen, ist, entgegen der Lesart des Studierendenwerks, kein Indikator für einen mangelhaften Praxisbezug des Studiums. Gäbe es vergleichbar viele Beschäftigungsmöglichkeiten in der Wissenschaft oder Kunst, in Sport oder Politik, wären auch die Studierenden vermutlich weniger an Industrie und Wirtschaft interessiert. Solange also Industrie und Wirtschaft Auskommen und Anerkennung ohne soziale Risiken bieten, werden selbst Lehrlinge sich in ihrer Ausbildung mehr Praxisbezug wünschen.

 

Keinesfalls darf aus derlei Umfrageergebnissen geschlussfolgert werden, dass während des Studiums noch mehr Praxis in Fabriken und Büros einstudiert werden muss, die so wenig standardisiert und zertifiziert wie vergütet ist. Dennoch bemisst sich der Wert eines Praktikums am Zertifikat, nicht jedoch an der Praxis: Das Praktikumszeugnis ist ein Wertpapier geworden, das Studierende in ihrem Lebenslauf deponieren, weil sie hoffen, bei stabiler Kursentwicklung, für dieselbe Praxis nach dem Studium eine überdurchschnittliche Vergütung einstreichen zu können.

 

Die wissenschaftspolitische Schlussfolgerung angesichts der jüngst erhobenen Interessenkonstellation bei Studierenden kann nur ein massiver Ausbau der Fachhochschulen sein, deren Ausbildungsprofil einer engen Verzahnung mit Industrie und Wirtschaft entspringt, und deren Studiengänge entsprechend (industrie-) normiert und (wirtschafts-) strukturiert sind, sodass Studierende in gestuften Abschlüssen die ansteigenden Anforderungsschwellen in Industrie und Wirtschaft überwinden können.

 

Im Gegenzug und Gegensatz dazu verschlanken sich Universitäten zur riskanten, ziellos und frei schwebenden, sich jeglicher Norm entledigenden Bildung des Geistes. Eigenverantwortliches Selbstdenken, der Aufbruch zu neuen, möglicherweise inexistenten Ufern macht den individuellen Untergang zur Regel und die Ernte exotischer Früchte oder den Fund von Edelmetallen zur Ausnahme. Aber: Die Exhaustion möglicher Geisteswindungen treibt die Gesellschaft insgesamt der Morgenröte ungeahnter Existenz entgegen; möglicherweise auf dem Weg der Transformation von Erwerbsarbeit in wissenschaftliche, künstlerische, sportliche oder politische Betätigung.

 

Den Mut allerdings zum universitären Abenteuer des Geistes bringen nur Wenige mit, wie nur wenige Gesellschaften die Offenheit mitbringen, in der sich ein Geist entfalten kann, der die Drangsal ökonomischen Wachstums mittels vergleichsweise mickriger Innovationen bedroht, und zwar in sämtlichen Lebensbereichen, die, aus Wachstumsgründen, komodifiziert und in intellektuelles Eigentum überführt werden. Der dienende, knechtische Geist im wohlvertrauten Elend ist das Kind einer Generation, deren Eltern und Großeltern sich mehr Praxisbezug gewünscht hätten, hätten sie studieren dürfen. Nicht auszudenken, wohin der Geist sich bilden könnte, ließe man ihn von der Kette!

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