Wissenschaft auf Entenjagd

Rivalität unter WissenschaftlerInnen dient nach liberalem Verständnis dem wissenschaftlichen Fortschritt – solange die Rivalität im Gehege einer Disziplin verbleibt. Von Außerhalb rüsten allerdings immer wieder Freischärler mit martialischer Verve zum vernichtenden ‚Wissenschaftskrieg‘, einem rhetorischen Scharmützel zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Die jüngste Breitseite schlug ein bei den Genderstudies, abgefeuert von zwei Geisteswissenschaftlern: dem Philosophen Peter Boghossian und dem Mathematiker James Lindsay. Deren Vereinigung von Phallus und Klima gereicht nicht zum wissenschaftspolitischen Klimax.

 

Boghossian und Lindsay haben mithilfe eines Postmodernisierungsgenerators Satzversatzstücke zu einem Text verwoben, der in ihren Augen offensichtlichen Unsinn wiedergibt, und den Text dann in einem Bezahl-Journal veröffentlicht. Die Reviewer, mit Expertise in Tourismus, Kriminologie, Geographie und Sportmanagement, waren von dem Text Hoch auf begeistert und zahlten ihre Begeisterung postwendend mit gleicher Münze zurück. Grund zum Jubeln hatten schließlich beide Seiten.

 

Nur als Außenstehender fragt man sich, was Autoren eines Textes, dessen Gegenstand ihnen fremd ist, der Veröffentlichung des Textes in einer Fachzeitschrift an Bedeutung beimessen, deren Kritiker der Gegenstand nicht minder fremd sein muss. Ihrer eigenen Auskunft nach soll die Veröffentlichung die verbreitete Neigung belegen, etwas zu glauben, das moralisch gerade in Mode ist, wie weit entfernt von der Realität es auch sein mag. Dabei ist es gerade diese Entfernung, die noch keiner vermessen hat, die den Sinn (oder Unsinn) legitimiert.

 

Die interessante, moralische Frage ist doch aus wissenschaftspolitischer Sicht, was Wissenschaft darf und was sie soll. Kann man den Herausgebern des Bezahl-Journals doch gerade das zugutehalten, was ihnen Boghossian und Lindsay vorwerfen: dass allein schon der moralische Schulterschluss als Validierung der gemeinsamen Position angesehen wird und für eine Veröffentlichung ausreicht. Mit anderen Worten: wo es um dieselben Werte geht, kommt es weniger auf den Inhalt an. Es genügt der Sinnverdacht, mit dem Wörter unseren Verstand verführerisch umschmeicheln.

 

Es darf und muss gefragt werden, was wichtiger ist: Mit Wörtern um eine gerechte Sache zu streiten oder den Realitätsbezug der Wörter zu suspendieren, ohne deren Wirkung in Frage zu stellen, ja diese sogar zu erhöhen, indem die Wirkung sinnloser Wörter auf Wissenschaft Gesellschaft Anlass gibt zur Warnung. Eine solche Warnung können freilich nur diejenigen aussprechen, die wissen, wie Wissenschaft und Gesellschaft aussehen sollen. Und dann kämen unter anderen wieder die Gender-Studies ins Spiel, die zwar nicht in Gänze verboten, doch aber zumindest in einer bestimmten Form unterdrückt werden sollen.

 

Keine Frage, unsinnige Texte, deren Botschaft die verwendeten Wörter bei ihrer Lektüre nicht einholen können, will niemand in der Wissenschaft. Doch der Sinn will errungen sein. Mit einem Fakultätsanspruch auf Realität ist es nicht getan. Das wird immer dann besonders deutlich, wenn jemand ein Deutungsmonopol für sich reklamiert, ohne in den Gegenstand der Deutung eingedrungen zu sein. Ein Coup läge erst dann vor, wenn die Täuschung im eigenen Lager gelänge, wenn also die Fachwissenschaftlerin in einem Fachmagazin erfolgreich Unsinn verbreitete. Davon ist jedoch noch nichts verlautet.

 

Postmoderne Theoretiker mögen Begriffe aus der Mathematik oder Physik anders begreifen als Mathematiker oder Physiker. Maßgeblich für den Sinnhaftigkeit eines Wortes sind letzten Endes die Theoretiker selbst bzw. all diejenigen, die die Begriffe verwenden, unter denen bspw. Alan Sokal nur einer ist – noch dazu einer, der nicht ernsthaft die Auseinandersetzung mit dem postmodernen Sprachgebrauch gesucht hat, sondern sich seiner zur Persiflage bedient hat. Man sieht: die Vielfalt der Mittel, die im Ringen um den Sinn angewendet werden, ist groß und offensichtlich durch keinen Kodex der Wissenschaft beschränkt.

 

Scherzartikel in wissenschaftlichen Magazinen haben fast schon eine eigene – interdisziplinäre – Tradition. In einem Fachjournal der Medizin veröffentlichte John H, McCool letzten Monat eine Fallstudie basierend auf Episoden einer Seifenoper und John Bohannons Artikel chemischen Unsinns akzeptierten 157 Zeitschriften und nur 98 lehnten im Jahr 2013 eine Veröffentlichung ab. Selbst der offensichtlich unsinnige Physiker Stronzo Bestiale konnte unbelangt seine Forschungsresultate an renommierten Peer Reviewern vorbeimogeln.

 

Dass es den Experten nicht gelingt, eigens deklarierten Unsinn als solchen zu entlarven, bedeutet keine Überforderung des Wissenschaftsystems, sondern ist Moment des inhärenteren Auftrags jeder kulturellen Institution: Sinn schaffen. Was bisher mittels Kritik gelungen ist, könnte auch mittels Dekonstruktion gelingen. Der Erfolg des postmodernen Unterfangens ist so offen wie die Wissenschaft selbst. Apodiktisch ist ihr nicht beizukommen. Ohne Archimedischen Punkt oder Stein der Weisen sind selbst die Algorithmen eines Kritikastergenerators hilflos, der in nicht allzu ferner Zukunft zur Veröffentlichung eingereichte Texte auf ihren Sinn bzw. ihre Realitätsnähe durchforsten wird.

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