Im Vormärz der Wissenschaft

Noch ist er nicht da, der März, im April, als der March for Science stattfand. Wofür? Für Wissenschaft. Und warum für Wissenschaft? Weil Wissenschaft Gemeinwohl und Demokratie garantiert. Darin waren sich am 22. April 2017 alle einig. Daran ist zumindest bemerkenswert, dass der vermeintliche Garant der Demokratie auf die Unterstützung der demokratischen Versammlungsfreiheit angewiesen scheint. Der Spender holt gewissermaßen die Spenden aus den Taschen der Empfänger. Und alle marschieren mit. Einig kann hier nur heißen: unwidersprochen widersprüchlich.

 

Die Argumentation der Ausrichter des Marsches für Wissenschaft in den Vereinigten Staaten verläuft in drei Schritten:

 

  1. Die Wissenschaft garantiert Demokratie als Bollwerk gegen Anti-Demokraten, also gegen Recep Erdoğan, Donald Trump oder Viktor Orbán. Anti-Demokraten verfolgen Wissenschaftler, wie Necmiye Alpai, Mümtaz’er Türkon – oder Geert Hamer, und sperren sie ins Gefängnis; Anti-Demokraten leugnen den Klimawandel oder aber sie schließen akademische Einrichtungen, wie etwa die Central European University in Budapest – oder die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart.

 

  1. Das Bollwerk selbst könnte härter kaum sein: es besteht aus knallharten Fakten. Die haben allerdings bedrohliche Antipoden: sogenannte alternative Fakten. Alternative Fakten werden von Populisten generiert. Deren Gegenüber, die Peers der Wissenschaftlergemeinde, sind dagegen Urheber der primären Fakten. Die Bewertung der Fakten obliegt der Öffentlichkeit – einschließlich der Bewertung, dass eine faktenbasierte Politik wünschenswert ist. Das geht in Richtung Demokratie.

 

  1. Weil die Öffentlichkeit Fakten nicht nur zur optimalen Erreichung ihrer Ziele einsetzt, sondern ihre Ziele auch angesichts der Fakten justiert, muss sie, die Öffentlichkeit, ihre Fragen an die Wissenschaft richten, und die Wissenschaft muss – nachdem Gegenlauf-Prinzip – ihre Antworten resp. Ergebnisse in die Öffentlichkeit hinaustragen. Diesem demokratischen Kreislauf entwachse die oben beschworene Wertegemeinschaft – unter Missachtung sozialpsychologischer Hinweise, dass gerade irrationale Faktoren Menschen zusammenschweißen.

 

Hierzulande erfuhr die Demokratie ob ihrer hiesigen glänzenden Vorgeschichte, deren epochaler Schwung wohlweislich schon im Vormärz verebbte, eine stärkere Akzentuierung. „Wir brauchen eine Demokratisierung der Wissenschaft“, forderte Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und verwies auf Diskussionen zu Migration und Integration in Neukölln: „Das funktioniert!“ Je nachdem. In Tübingen funktioniert der Dialog zumindest nicht überall. Im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik Morddrohungen gingen ein und die Wissenschaftler am Neckar beendeten ihre Versuchsreihe an Affen, eine Woche vor dem Marsch für Wissenschaft.

 

Von der Demokratie dürfte ohnehin, nicht nur in Deutschland, nicht viel übrig bleiben, legte man Ranga Yogeshwars Verständnis von Demokratie zugrunde. Dem Wissenschaftsjournalisten zufolge handelt jeder undemokratisch, der gesicherte Erkenntnisse ignoriert. Womit wir wieder bei den Fakten wären, den alternativlosen – selbstredend. Die Textbausteine sind dieselben, nur das Gewölbe ist flacher. Alternativen, so scheint es, sind nur solange zulässig, solange sie im Kreise der Wissenschaftler verweilen; sobald sie in die Agora des Politischen gelangen, sind sie nicht mehr verhandelbar. Völlig unreflektiert bleibt, was die Demokratie zur Generierung von Fakten leisten könnte, das über das Finanzieren und Marschieren hinausgeht.

 

Wenn es, Marx auf die Füße gestellt, darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, um sie zu verändern, reicht es nicht aus, Demokratie und Fakten rhetorisch zu verschränken und dann den Niedergang des Faktischen zu beklagen. Die Vindikation einer Gesellschaftsform ist wenig glaubwürdig, wenn sie nicht für alle Einheiten der Gesellschaft gelten soll. Dann wäre das Eintreten für die Wissenschaftsfreiheit nur Mittel zum Zweck oder hypothetischer Imperativ einer gesellschaftlichen Elite. Dann hätte ein Marsch der Wissenschaftler stattgefunden statt eines Marsches für Wissenschaft.

 

Das allseitige und unwidersprochene Bekenntnis zur Freiheit der Wissenschaft ist bloßes Lippenbekenntnis, solange keine Veränderungen erfolgen und die die Veränderungen auslösenden und rechtfertigenden Interpretationen nicht erbracht werden. Und solange entweder nur die Demokratie in die Wissenschaft eingeordnet wird oder nur die Wissenschaft in die Demokratie, sind solche Interpretationen schon im Ansatz wenig aussichtsreich. Dann wird opportun das eine dem anderen zugeschlagen, dem Niedergang wird nichts entgegengestellt, und der Stipendiat der Rechtswissenschaften Legény Numbi Shaka aus Burundi wird an der Universität Freiburg nicht anders frei forschen können als die Sozialwissenschaftlerin Letizia Paoli aus Holland.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.