Die Bundesbildungsrepublik Deutschland auf dem Weg in die Zweite Moderne

Eine sozial gerechte Gesellschaft kann es ohne exzellente Wissenschaft nicht geben. Exzellente Wissenschaft ist öffentlich, transdisziplinär, partizipativ, proaktiv und prosozial. Der Weg zur Exzellenz geht über eine stärkere Vernetzung der wissenschaftlichen Einrichtungen miteinander und mit der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft.

Wissenschaftliche Exzellenz ist in ihrem Geltungsanspruch unabhängig von gesellschaftlichen Institutionen. Sie wird an endogenen Maßstäben bemessen und gilt für Hochschulen oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen gleichermaßen. Die finanzielle Förderung wissenschaftlicher Exzellenz erfolgt auf Bundesebene institutionsunabhängig, unbefristet und sachgrundbezogen. Durch eine komplementäre Finanzierung werden den Ländern Anreize gesetzt, in ihre wissenschaftlichen Einrichtungen mehr zu investieren.
1 Die Vision

Der Bund begreift sich als Universitas mit föderalen Fakultäten. Die Bundesbürgerinnen und
-bürger sind mündige Menschen, die ihren Verstand emanzipieren, indem sie zeitlebens Zusammenhänge untersuchen und ihre Beobachtungen mit Anderen teilen und besprechen. Staat und Bevölkerung durchlaufen eine permanente Bildung.

Bildung ist der Kern der Einheit von Forschung und Lehre. In ihm steckt auch die Erwartung des Weltfriedens: (Echt oder universal) gebildete Menschen führen keine Kriege. Bildung kann kein befristetes Programm sein, sondern ist soziale Selbstverpflichtung eines Staates, der sich als Universitas begreift.

Bildung erfasst alle Lebensräume und muss Leitbild ihrer Ausgestaltung sein. Das Leitbild Bildung impliziert insbesondere, dass dafür die Ressourcen bereitgestellt und zugänglich gemacht werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind eine Bildungsquelle, die zu versiegen droht, wenn sie kommodifiziert und verkauft werden.

Eine Verengung von Wissenschaft und ihrer Förderung auf kommerzielle Verwertungsinteressen gräbt dem Boden das Wasser ab, aus dem kommerziell verwertbare Erkenntnisse sprießen: zum einen sind umso mehr Innovationen zu erwarten, je mehr Menschen gebildet sind; zum anderen bringt das Zusammenwirken gesellschaftlicher Kräfte eher Innovationen hervor als isolierte Individuen. Zumal nur in einer breit gebildeten Gesellschaft bahnbrechende Innovationen tragfähig sind.

Schließlich ist Wissenschaft nicht bloß Produktivkraft für Innovationen, die Arbeit ersetzen und freisetzen, sondern die Innovationen sind immer auch sowohl Spiegel einer tradierten Kultur als auch Werkzeuge zur Weiterentwicklung der Kultur, insofern sie die Tradition herausfordern und neue Handlungsoptionen anbieten. Als Moment der Bildung verstanden eröffnen Innovationen in erster Linie emanzipatorischen Fortschritt und erst in zweiter Linie ökonomisches Wachstum.

Die Hinwendung zu den Lebensräumen erfordert eine Organisation der Forschung nach gesellschaftlichen Herausforderungen wie Frieden, Sinn, Allokation, Energie, Gesundheit, Tod, Macht, Klima, Datenschutz, Sicherheit, Mobilität, Telekommunikation oder Unterhaltung. Dazu müssen institutionelle wie disziplinäre Grenzen überwunden und die Forschung stärker in die Gesellschaft integriert werden. Statt einer parallelen und partikularen Organisation der Wissenschaft braucht es eine integrale und gemeinwohlorientierte Universitas.

Die Hinwendung zu gesellschaftlichen Herausforderungen erfordert des Weiteren die Öffnung des Wissenschaftsbetriebs für die Bevölkerung. Die Bevölkerung ist aktive Teilnehmerin an der Forschung, nicht nur ihr passiver Gegenstand. Das heißt, die Bevölkerung erhält ein Mitspracherecht dabei, was – mit öffentlichen Mitteln – erforscht wird, und sie ist in Person von Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern an der Forschung selbst beteiligt.

Unter dem Dach der Universitas ist Wissenschaft eine öffentliche Sache und Bildung Selbstzweck der Bevölkerung. Republik und Bildung verschmelzen zur Bildungsrepublik.
2 Der Weg

Von der Exzellenzinitiative wird die zweite Säule, die Förderung von Exzellenz-Clustern, zum tragenden Fundament der Wissenschaftspolitik des Bundes – mit zwei wesentlichen Veränderungen. Erstens sind Cluster auszuweiten von inter-institutionellen Kooperationen um intra-institutionelle Kooperationen. Und zweitens wird das Antragsverfahren ersetzt durch ein Evaluationsverfahren.

Die Exzellenzförderung des Bundes gilt Forschungsorganisationseinheiten und umfasst somit Institute über Fakultäten bis hin zu länderübergreifenden Kooperationen. Um in den Genuss der Förderung zu kommen, kann jede mit jeder kooperieren, muss aber nicht. Insbesondere kommen auch Forschungsstellen aus der Zivilgesellschaft oder Wirtschaft als Kooperationspartner infrage. Die selbstorganisierte wissenschaftliche Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen entspricht institutionell der von der Internationalen Expertenkommission zur Evaluation der Exzellenzinitiative geforderten universitären Differenzierung, ohne dass hier Universitäten beteiligt sein müssen.

Gefördert werden Forschungseinheiten, die sich deutlich verbessert haben. Der Nachweis einer Verbesserung wird mittels Evaluation erbracht, der sich die Forschungseinheiten freiwillig unterziehen. Damit wird die aufwändige Antragsbürokratie vermieden und die tatsächliche Umsetzung von Zukunftskonzepten ausgezeichnet statt der papierenen Antragslyrik darüber, was man alles machen würde, wenn man die Förderung bekäme.

Im Ergebnis erreicht man eine Wissenschaftsentwicklung in die Breite und in die Spitze. Vergleichsweise schwache Einrichtungen, die sich beachtlich steigern, haben allein schon durch die Aussicht auf eine Förderung die Möglichkeit, zu stagnierenden Top-Adressen aufzuschließen und gegebenenfalls gar an ihnen vorbeizuziehen.

Die Verknüpfung von Spitzen- mit Breitenförderung ist gute sozialdemokratische Tradition. Sahen die Weimarer Leitlinien ‚Innovation’ aus dem Jahr 2004 noch die Forcierung einer einzigen Spitzenuniversität vor, so war im Rahmen der Exzellenzinitiative dieser Titel schon für ein halbes Dutzend Zukunftskonzepte reserviert. Die Säulen ‚Exzellenz-Cluster’ und ‚Graduiertenschulen’ sorgten dafür, dass fast die Hälfte aller deutschen Universitäten von der Initiative materiell profitiert hat.

Am Evaluationsverfahren ist die Bevölkerung zu beteiligen. Vertreterinnen aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft entscheiden mit über die Auswahl und Gewichtung der Förderkriterien, die neben der wissenschaftlichen Qualität, dem transdisziplinären Ansatz, Nutzung regionaler Synergien und internationaler Sichtbarkeit auch die Arbeitsbedingungen, insbesondere Mitspracherechte und die Personalentwicklung (Nachwuchsförderung), berücksichtigen sollten.

Die Finanzierung wissenschaftlicher Exzellenz in Deutschland wird weiterhin zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent von den Ländern getragen, wobei bei länderübergreifenden Kooperationen die betroffenen Länder gemeinsam die 25 Prozent aufbringen. Für die Finanzierung stellt der Bund zumindest den Inhalt des Paketes der Pakte in den Haushalt ein. Also wenigstens 14,1 Milliarden Euro, die sich zusammensetzen aus den bisher 5,5 Milliarden für Hochschulen und den 8,6 Milliarden Euro für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.

Die institutionelle Ausrichtung der Exzellenzförderung hat zur Folge, dass die Projektförderung des Bundes sich beschränkt auf gesellschaftliche Herausforderungen, die die nationalen Forschungseinrichtungen nicht aus freien Stücken erforschen, sodass ein materieller Anreiz zu ihrer Erforschung erforderlich wird.

Die Ressortforschung entspricht im Ansatz der Forschungsorganisation nach gesellschaftlichen Herausforderungen und kann durchaus als Vorbild fungieren. Jedenfalls gliedert sie sich nahtlos ein in die transdisziplinär reformierte Forschungslandschaft und muss daher nicht länger separat betrachtet werden. Dadurch gewinnt die Exzellenzförderung nicht nur Mittel in Höhe von 1,7 Milliarden Euro hinzu, sondern auch die Wissenschaft ein Stück (institutionelle) Freiheit vom Staat. Denn eine Einflussnahme des Bundes auf Forschungsergebnisse oder ihre Veröffentlichung ist bei einer Eingliederung der Ressortforschung in die gesamte Forschungslandschaft weit unwahrscheinlicher. Unterm Strich ist bei der Ressortforschung nur darauf zu achten, dass der Etat für den Frieden größer ist als der fürs Militär bzw. die Verteidigung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.