Spiel’s nochmal, Sam!

Der Scientific Advisor Mechanism (SAM) der Europäischen Kommission hat ein Gesicht bekommen. Ein dreiköpfiges Findungsteam hat sieben renommierte Forscher aus Europa einberufen. Sie rücken an die Stelle des Wissenschaftlichen Chefberaters. Dass ein Gremium einen Einzelposten ablöst, ist zu begrüßen, kommt die Entscheidungsfindung in Gremien der Arbeitsweise in der Wissenschaft doch näher als die solitäre Meinungsbildung einer Beraterin. Dennoch dürfte dadurch die Arbeit der Kommission kaum wissenschaftlicher werden. Zu diffus ist der Beratungsauftrag.

 

Die sieben Weisen sollen den Kommissionspräsidenten zur rechten Zeit beraten zu spezifischen Themen, die kritisch sind für die Fortentwicklung der Europäischen Union. Das spezifische Thema von Steuerparadiesen innerhalb der Unionsgrenzen dürfte dem Präsidenten kaum jemals zur rechten Zeit kommen, genauso wenig wie die wissenschaftliche Aufarbeitung von Hinweisen auf Bomben legende Beamte. Eine Wiederauflage der Rolle, die der Mathematiker Henri Poincaré in der Dreyfus-Affäre gespielt hat, ist daher nicht zu erkennen, auch wenn in Cédric Villani ein Mathematiker mitmischt, der zudem Direktor des Instituts ist, das Poincarés Namen trägt.

 

Immerhin soll SAM den Kommissaren helfen, politische Angelegenheiten zu identifizieren, denen eine wissenschaftliche Durchdringung gut anstünde. Und dann? Entscheidet Jean-Claude Juncker dann höchstselbst, ob dazu wissenschaftlicher Rat eingeholt wird, und von wem? Nicht dass solche dezisionistische Tendenzen im technokratischen Betrieb bedenklich wären; bedenklich ist vielmehr, dass sich keinerlei Regelungsansätze finden lassen, wie der Rat der Wissenschaftlerinnen in die Europäische Kommission integriert werden soll, so dass er in der einen oder anderen Weise Wirkung zeigt. Beispielsweise in der Form, dass die Kommission Stellung beziehen muss zum Rat der Weisen. Doch ist noch nicht einmal geregelt, dass deren Gutachten öffentlich gemacht werden.

 

Der Eindruck, dass hier ein rein informelles Gremium geschaffen wurde, das allein durch das Renommee seiner Mitglieder glänzen will, verstärkt sich angesichts der nichtssagenden Kriterien, anhand derer die Mitglieder ausgewählt wurden. Sie sollen eine weite Spanne wissenschaftlicher Disziplinen abdecken, in ihrer Disziplin herausragen sowohl als Forscherin als auch als Beraterin auf internationaler Ebene, sie sollen Erfahrung, Weisheit und Vision mitbringen und doch jung sein, und sie sollen gleichermaßen weiblich wie männlich sein und aus unterschiedlichen Mitgliedsstaaten stammen. Bei sieben Mitgliedern kann ein solcher Proporz bei nahezu beliebiger Zusammensetzung leicht erfüllt werden!

 

Schaut man sich zudem an, was das Gremium leisten soll, kann man fast schon von vorsätzlicher Erfolgsvereitelung sprechen. Das Gremium soll einerseits unabhängig, interdisziplinär, objektiv und transparent arbeiten, andererseits soll es die nationalen Perspektiven der Mitgliedsstaaten ebenso berücksichtigen wie den Grundsatz der Proportionalität. Mag man die Anforderungen auch noch so sehr in Ansätzen der Transdisziplinarität unterbringen zu versuchen – um zu den erwünschten robusten Ergebnissen zu gelangen –, aus der Verhältnismäßigkeit kann kein wissenschaftlicher Maßstab werden aus mindestens zwei Gründen.

 

Erstens sind die wissenschaftlichen Bemühungen der Wahrheit verpflichtet, die es in ihrer Absolutheit nicht duldet, ins Verhältnis gesetzt zu werden zu anderen Zwecken. Wobei die Wahrheit sich ja gerade erst innerhalb des Wissenschaftsbetriebs konstituiert. Die Wahrheit mag umstritten sein, unstrittig ist aber, dass es eben nicht um nationale, gentrifizierte oder sonstwie verhältnismäßige Erkenntnisse geht. Sonst hätte jeder Staat, jedes Geschlecht oder jede Interessensgruppe seine eigene Wissenschaft und ein extra beigestellter SAM wäre überflüssig.

 

Zweitens ist die Wissenschaft ob ihrer experimentellen Natur wesentlich offen, sodass am Anfang des Erkenntnisstrebens sich nicht entscheiden lässt, ob die Resultate am Ende in einem angemessenen Verhältnis stehen zum betriebenen Aufwand. Je nach Stand der Wissenschaft ließe sich allenfalls beurteilen, ob ein Ansatz vielversprechender ist als andere. Das allerdings käme einer spürbaren Regulierung der Forschungsrichtungen gleich, auf die die Wissenschaft seit jeher äußerst allergisch reagiert. Die inhärente Spannung zwischen Wissenschaftsfreiheit und Wissenschaftsorganisation darf jedenfalls nicht überspannt werden, will man die Wissenschaft nicht als Ganze aufs Spiel setzen.

 

Bleibt eigentlich nur noch die moralische Verhältnismäßigkeit. Für den Rat, inwieweit Lebewesen im Rahmen eines Versuchs oder eines Forschungsprojektes belastet werden dürfen, hätte es kein so proportioniertes Gremium gebraucht wie SAM. Dazu hätte ein homogenes Grüppchen von Philosophinnen ausgereicht. Für eine erfolgreiche Verzahnung von Politik und Wissenschaft muss die EU mehr tun, als nur ein halbes Dutzend Wissenschaftlerinnen nach Brüssel einberufen. Sie muss zumindest deren Befugnisse so regeln, dass die Beratung sichtbare Folgen hat. Das kann sie. Ansonsten spielt die Wissenschaft weiter nur die Begleitmusik zum Presslufthammer des Politikbetriebs. Wie oft SAM dann auch spielt, man wird ihn kaum hören.

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