Ich trage keinen großen Namen

Eigentlich erfreulich, dass die Philosophie sich ihren Weg in die Öffentlichkeit bahnt. Schade nur, dass sie dazu eine Online-Petition benötigt. Ihr argumentativer Anspruch bleibt dabei leider auf der Strecke: Um die Hermeneutik und Phänomenologie in Freiburg zu retten, stellt ein Philosoph eine Petition zur Erhaltung eines Lehrstuhls ins Netz und flankiert dieselbe mit einem Artikel in einer überregionalen Tageszeitung – und schwups unterschreibt ein Kollege nach dem andern.

 

Allein der Petent hat für die Rettung der Hermeneutik keine echte Alternative zur Petition erwogen, geschweige denn das Gespräch mit der Freiburger Universitätsleitung gesucht. Zwangsläufig leidet unter letzterem die Begründung der Petition, so dass unterm Strich nur die Namen stehen, große Namen. Da braucht es schon das Kaliber eines Diogenes, um die zu missachten.

 

Von Namen nämlich sollten sich die Gralshüter des Geistes nicht beeindrucken lassen. Selbst wenn und gerade weil das Hofieren ‚großer‘ Namen eine lange Tradition hat. Dazu ruft der strittige Lehrstuhl für Neuzeit und Moderne mit seinem Titel geradezu auf, den zu modernisieren die Universität Freiburg vor über einem Jahr beschlossen hat. Der dem bischöflichen Katheder nachempfundene Lehrstuhl soll umgewandelt werden in eine Juniorprofessur mit Tenure für Nachwuchsforscher. Weil die zum Zeitpunkt ihres Stellenantritts – die Berufenen lassen wir auf der Kanzel vereinsamen – unter Umständen (noch) keinen großen Namen tragen, erstickt daran der philosophische Geist noch lange nicht.

 

Im Gegenteil. Statt des Vasallen eines Akademischen Rates soll die künftige Juniorprofessorin eine Gruppe von Nachwuchsforschern um sich scharen, deren Finanzierung der Universität keinen Cent einspart. Der namenlose Schwarm von Philosophen dürfte vom Ozean des Wissens nicht nur mehr erkunden, sondern auf abrupte gesellschaftliche Veränderungen wendiger reagieren als ein stattlicher Walhai. Dass der Schwarm Logik und Sprachphilosophie in Forschung und Lehre vertreten soll, schließt hermeneutische oder phänomenologische Ansätze eben nicht aus. Umgekehrt wäre es fatal, wenn die philosophische Forschung festgenagelt würde auf eine universitäre Tradition.

 

Modernes Denken macht sich unabhängig von der Tradition, minimiert die Wirkungsgeschichte und emanzipiert sich von ‚großen‘ Namen. Es begründet die Maßstäbe, an denen es sich bemisst, und stürzt dabei immer wieder in logische Aporien. Deshalb ist modernes Denken immer ein intellektuelles Wagnis. Dass dieses Wagnis nicht zugleich zu einem existenziellen wird, dazu trägt eine Juniorprofessur mit Tenure bei. Sie ist modern nicht nur im Titel. Auch wenn ihr Erfolg sich nur um den Preis internationaler Sichtbarkeit einstellen sollte, ist schon der soziale Zugewinn wichtiger als aller Glanz der Vergangenheit.

 

Wer mit ‚großen‘ Namen Wissenschaft betreiben möchte, läuft Gefahr, einen Leuchtturm in der Wüste zu errichten, auch wenn dort früher mal ein Meer an die Böschung brandete. Auf den Namen kommt es nicht an. Weder auf den der Professur noch auf den des Professors oder den der Methode. Namen haben sich als äußerst wacklige Konstrukte erwiesen, die verschwinden, wenn man genauer – und lange genug – hinschaut. Das hält freilich manche Philosophen nicht davon ab, ungebremst durch den Ego-Tunnel zu brettern. Und manchmal muss dazu sogar eine Petition herhalten.

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