Schwund an Hochschulen

Ein Gespenst geht um an den Hochschulen. Auf mysteriöse Art und Weise verschwindet jedes Jahr in jedem Bundesland ein Teil eines Studienjahrgangs. Am Ende gehen dann Weniger mit Abschluss ab als ursprünglich ein Studium aufgenommen haben. ‚Schwundbilanz‘ nennen das Sozialwissenschaftler. In Baden-Württemberg fällt der Schwund vergleichsweise gering aus. Das ist im Wesentlichen der Dualen Hochschule und den Fachhochschulen zu verdanken.

 

In Baden-Württemberg gehen auf dem Weg zum Bachelor 18 Prozent der Studienanfänger verloren. Sie brechen ihr Studium ab oder verlassen das Bundesland, um woanders weiter zu studieren. In Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sind es durchschnittlich 29 Prozent (Zur Streuung macht das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung keine Angaben). Dort gibt es allerdings keine Duale Hochschule. Klammert man die aus, verzeichnet der Südweststaat einen Schwund von immerhin 22 Prozent.

 

Mit 30 Prozent Schwund liegen die baden-württembergischen (Elite-)Universitäten im Durchschnitt. Sie dürften nicht wenige Studienanfänger an baden-württembergische Fachhochschulen verlieren, die ihren Schwund gegenüber 2011 erheblich vermindert haben und mit nunmehr 14 Prozent den Durchschnittsschwund für Baden-Württemberg noch einmal erheblich drücken. Wenn also der Schwund ein Maß ist für die Attraktivität und Leistungsfähigkeit eines Hochschulstandorts, dann gilt dies im Musterländle vor allem für die Fachhochschulen.

 

Was den Schwund verursacht, bleibt im Dunkeln. Ob es die überfüllten Hörsäle, unfähige Pädagogen, Finanzierungsprobleme oder düstere Berufsaussichten sind, die die verschwundenen Studienanfänger von ihrem Vorhaben abgebracht haben, erfährt man in der Studie nicht. Schon allein deshalb ist die Maxime – isoliert betrachtet – problematisch, den Schwund zu beseitigen. Ob wirklich jedem Studienanfänger damit geholfen ist, ihn über mindestens drei Jahre durchzureichen bis zum Bachelor, ist mehr als fragwürdig.

 

Es sollte Raum bleiben für Experimente. Junge Menschen sollten einen Studiengang ebenso ausprobieren können wie das Bundesland, in dem die Hochschule sich befindet, ohne dass ihnen ein Scheitern des Versuchs biographisch angelastet wird, wie das auch beim Scheitern eines wissenschaftlichen Experimentes unterbleiben sollte. Schließlich kann der Erkenntnisgewinn bei einem gescheiterten Experiment sehr groß sein; man denke nur an den vergeblichen Versuch, die Relativgeschwindigkeit der Erde zum Äther interferometrisch zu bestimmen!

 

Die ganze Schwund-Statistik taugt aber in jedem Fall dazu, mit einem Mythos aufzuräumen: Dass ein stark strukturiertes Studium die Abbrecherquote senkt. Denn dann müssten gerade die Naturwissenschaften einen geringeren Schwund verzeichnen als die Sozialwissenschaften. Es verhält sich aber umgekehrt. Das sollte uns ermutigen, verloren gegangene Freiräume im Studium mit größerem Selbstvertrauen wieder einzufordern.

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