Transparente Hochschullandschaft

Die Industrie hat ihre Investitionen in deutsche Hochschulen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Insgesamt 1,3 Milliarden Euro sind es nun. Damit steuern Industrie und Wirtschaft zur Finanzierung der Hochschulen inzwischen 0,2 Prozent bei. Am gesamten Drittmittelaufkommen entspricht das knapp 19 Prozent. Das gilt auch für baden-württembergische Hochschulen. Wo sich die absoluten Beträge – vor allem zwischen den Hochschultypen – erheblich unterscheiden, bleibt der relative Anteil der Industrie im Großen und Ganzen konstant.

 

Mittels Sponsoring wirbt die Industrie um talentierte Absolventen, mittels Forschungsaufträgen nutzt sie die Hochschullabore als verlängerte Werkbank und mittels Stiftungsprofessuren fördert sie den wissenschaftlichen Fortschritt auf für sie interessanten Themenfeldern. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden. Wissenschaftspolitisch allerdings rächt es sich nun, dass die Technischen Hochschulen in Universitäten überführt wurden und nicht in Fachhochschulen. Dort hat die Industrie ihre natürliche Heimat, an Universitäten zog sich traditionell der Staat seinen Nachwuchs.

 

Weil es ein großes staatliches Interesse an einer florierenden Wirtschaft gibt, sollten die Fachhochschulen auf dem Weg einer intellektuellen Umschichtung, bei der sich das Studierendenverhältnis von Universitäten zu Fachhochschulen umkehrt, massiv ausgebaut werden. Das zöge ein Höchstmaß an Transparenz von wirtschaftlichen und öffentlichen Interessen nach sich, ohne freilich die Hochschulen von der Verpflichtung zu entheben, ihren Träger vor dem Abschluss von Drittmittelverträgen ins Bild zu setzen.

 

Über 45 Milliarden Euro verfügten die deutschen Hochschulen 2012 in ihren Haushalten. Knapp die Hälfte davon machte die Grundfinanzierung der Länder aus. Weitere 16 Milliarden Euro kamen von den Krankenkassen zur Versorgung der Universitätskliniken. Die restlichen 7 Milliarden Euro waren Drittmittel, wovon 1,3 Milliarden aus der Wirtschaft stammten. Damit finanzierten die Unternehmen laut Hochschulwatch 10000 Kooperationen und 1000 Stiftungsprofessuren. Rund zehn Prozent davon spielen sich in Baden-Württemberg ab.

 

Die baden-württembergischen Hochschulen liegen im Schnitt. Ausreißer sind die Musikhochschulen, die in Mannheim und Freiburg keinen Cent aus der Wirtschaft akquirierten, während die badische Nachbarin aus Karlsruhe ganze 60 Prozent ihrer Drittmittel oder 245000 Euro aus privaten Schatullen bezog. Erstaunlich auch, dass es die Verwaltungshochschule in Kehl auf 42 Prozent (75500 Euro) brachte. Eine überdurchschnittliche Quote erzielten auch die Fachhochschulen Pforzheim (55 %, 1,1 Mio. €) und Aalen (41 %, 2,4 Mio. €). Selbst die Akademie der Bildenden Künste (27 %, 106000 €) und Pädagogische Hochschulen wie Weingarten (28 %, 201000 €) standen anteilsmäßig den Elite-Universitäten in nichts nach.

 

Allerdings sehr deutlich in der tatsächlich transferierten Summe! Die baden-württembergischen Universitäten vereinnahmten – mit der Ausnahme von Konstanz (6 %, 3,5 Mio. €) und Mannheim (16 %, 3 Mio. €) – zweistellige Millionenbeträge: Heidelberg (32 %, 27 Mio. €), Karlsruhe (15 %, 24 Mio. €), Freiburg (19 %, 13 Mio. €), Tübingen (22 %, 19 Mio. €) und Stuttgart (21 %, 33 Mio. €). Die Universität der Landeshauptstadt ist ein Magnet für private Drittmittel, was erklärt, dass für die umliegenden Fachhochschulen vergleichsweise wenig übrig blieb: Stuttgart (14 %, 0,5 Mio. €) und Esslingen (27 %, 0,8 Mio. €).

 

Auffällig an diesen Drittmittelflüssen ist des Weiteren, dass die Wirtschaft den ihr am nächsten stehenden Hochschultyp geradezu stiefmütterlich behandelte. An der Dualen Hochschule kamen insgesamt gerademal 756000 Euro (16 %) an. Hier tritt der Webfehler im Hochschulsystem am deutlichsten hervor. Eigentlich müssten die Fachhochschulen mit ihren wirtschafts- und industriebezogenen Curricula und den eigens eingerichteten Steinbeis-Transferzentren das beste Investment für die Wirtschaft darstellen. Und eigentlich sollten die Universitäten nicht nach dem Geld aus der Wirtschaft gieren müssen. Das eine lässt sich ermöglichen, das andere verhindern, wenn man die Fachhochschulen zu den größten Hochschulen im Land ausbaut.

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