Promotion für Alle

Die Fachhochschulen haben Recht. Wenn auch aus anderen Gründen. Alle zwei Stunden wird in Baden-Württemberg eine Promotionsurkunde ausgehändigt – rund um die Uhr, Sonn- und Feiertage inbegriffen. Die Urkunden tragen das Siegel von Universitäten, Pädagogischen Hochschulen, Theologischen Hochschulen, ja von Kunsthochschulen. Nur die Fachhochschulen haben kein Recht, kein Promotionsrecht. Und das ist ungerecht. Schon weil es gegen den Grundsatz der Gleichheit verstößt. Es muss gelten: Promotion für Alle! Diese eh schon praktizierte Maxime gilt es nur noch in geltendes Recht zu überführen, in ein Promotionsrecht für Fachhochschulen, für Duale Hochschulen, für Volkshochschulen.

 

Akademische Titel taugen schon lange nicht mehr zur Differenzierung, nicht einmal innerhalb der Wissenschaft. Ob Promotion, Professor, Privatdozent oder Pumuckl, sagt so gut wie nichts über die wissenschaftliche Originalität des Titelträgers. Sie verraten aber viel über die innere Organisation der Wissenschaft. Paramilitärische Hierarchien von der grenadierenden Hilfskraft bis zum Fünf-Sterne-Lehrstuhl ordnen eine gesellschaftliche Institution, die eigentlich gegen jede Autorität aufbegehren sollte, die sich nicht an der Vernunft orientiert.

 

Selbst wenn man unterstellt, dass die Promotion die Befähigung zu vernunftorientiertem Handeln bescheinigt, drängt sich angesichts des disziplinären Methodenspektrums die Frage auf, worin denn die Befähigung tatsächlich besteht, so dass die Fähigkeiten Promovierter und Nicht-Promovierter trennscharf unterschieden werden können. Welche Kompetenz haben promovierte Völkerrechtler, Limnologen, Algebraiker oder Fertigungstechniker gemeinsam, und was unterscheidet sie von ihren nicht-promovierten Kollegen?

 

Selbst wenn man zudem unterstellt, dass es ein Maß für die Befähigung zu vernunftorientiertem Handeln gibt, eine wissenschaftlichen Standard, dann ist das de jure ein Standard, an dem die mitwirken, die daran bemessen werden, und es ist de facto ein Standard, dessen Einhaltung eine einzelne Institution nicht überprüfen kann; das belegt die nicht abreißen wollende Kette von Promotionen, die in Plagiatsverdacht geraten und die die Universitäten zähneknirschend zurückziehen, so sie sich denn zu einer ernsthaften Prüfung bequemen. Zur kritischen Plagiatsprüfung wären eigentlich die Universitäten aufgerufen, betrieben aber wird sie von zivilgesellschaftlichen Kräften.

 

Von brauchbaren allgemeinen Qualitätskriterien fehlt jede Spur. Dennoch gibt es ausgezeichnete Dissertationen. Die sind ein Gewinn für die Gesellschaft, die Wissenschaft und nicht zuletzt für die Person, die sie geschrieben hat. Über die Anfertigung einer Dissertation erfährt die Autorin viel über ihr Leistungsvermögen und festigt auf diesem Weg ihre Persönlichkeit. Dass Andere für weit geringere Leistungen ebenfalls den Doktortitel erhalten, wird umso unbedeutender, je mehr die Autorin den Wert aus dem Werk ziehen kann und je weniger aus dem Titel. Am günstigsten ist dieses Wertverhältnis bei einer völligen Nivellierung des Titels. Wissenschaft und Gesellschaft wären dann gezwungen, für ihre Positionen objektive Selektionskriterien zu formulieren und umzusetzen, statt sich hinter dem Blendwerk eines Doktortitels zu verschanzen.

 

Demnach jagen Fachhochschulen akademischen Lemuren nach. Mit ihrer Geisterjagd nach dem Promotionsrecht erniedrigen sie sich zu Mini- oder Sparuniversitäten und verweigern sich so ihrem Bildungsauftrag, in ihrem regionalen Einzugsgebiet einen Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das Interesse an Forschung und Wissenschaft ist bei einem Großteil der Studierenden, auch an den Universitäten, bestenfalls vordergründig. Die meisten wollen nach ihrem Studium eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Beschäftigung. Darin besteht ihr Aufstieg. Je weiter sich die Fachhochschulen sich aus diesem ihrem Auftrag zurückziehen, umso mehr drängen private Hochschulen an ihre Stelle, die gegen viel Geld eben jenen Aufstieg durch Bildung versprechen.

 

Leichtfertig überlassen die Fachhochschulen den Privaten das Feld eines praxisnahen Studiums in ‚kleinen‘ Gruppen mit hervorragendem Betreuungsverhältnis und einem reibungslosen Einstieg in den Beruf. Statt ihren international imitierten Erfolgskurs fortzusetzen, hecheln die Fachhochschulen lieber den Universitäten nach, wohlwissend, dass sie die nie einholen werden. Ein Universitätsprofessor versammelt an seinem Lehrstuhl durchschnittlich sechs wissenschaftliche Mitarbeiter, wohingegen zwei Fachhochschulprofessoren sich einen wissenschaftlichen Mitarbeiter teilen – und das bei doppelter Lehrlast.

 

Wenn ein Fachhochschulprofessor da noch Kapazitäten frei hat, sollten alle Absolventen, die sich von dessen Betreuung einen Erkenntnisgewinn bei ihrer Forschungsarbeit versprechen, promovieren können. So muss denn der Erkenntnisgewinn im Zentrum stehen, nicht die Promotion – die gibt’s gratis dazu. Doktorrand und Doktorvater stehen mit ihren Namen für den Erkenntnisgewinn ein. Mehr ist da nicht. Einen Initiationsritus mit der Weihe der Doktorwürde braucht es in der Wissenschaft so wenig wie Talare oder Dekankette. Solche Rituale und Insignien gehen zurück auf sektiererische Wurzeln, die auszureißen die Wissenschaft einmal angetreten ist.

 

Die Fachhochschulen haben mit der Homogenisierung der Studienabschlüsse im Zuge des Bologna-Prozess schon einmal sehenden Auges ein Privileg geopfert, um universitätsgleicher zu werden. Fortan ist der Vorteil einer kürzeren Studienzeit ohne Not passé. Doch gelernt haben die Fachhochschulen daraus nichts. Statt selbstbewusst und selbstständig die eigenen Stärken auszubauen, hängen sich die Fachhochschulen an den Rockzipfel der Universitäten. Ambitioniert ist das nicht. Es zeugt vielmehr von gekränkter Eitelkeit. Die Promotion wird stilisiert zu einem exklusiven und daher eifersüchtig gehüteten Symbol akademischer Überlegenheit. Die symbolische Bedeutung hat sie nie eingelöst und wird sie auch nie einlösen können. Das bringt der Volksmund unverblümt zum Ausdruck: Promotion schützt vor Torheit nicht.

 

Beim Promotionsrecht geht es schon lange nicht mehr um wissenschaftliche Qualität. Es geht um Status, Rang und Prestige. Das sind nicht die Werte, auf denen unsere Verfassung fußt, das sind auch nicht die Werte, für die Steuergelder ausgegeben werden sollten. Wem an Freiheit, Gleichheit und Solidarität liegt, muss das Symbol stürmen und das Werk freilegen, die Erkenntnis an die Stelle des Titels setzen. Der Schlachtruf in der Gelehrtenrepublik heißt: „Promotion für Alle!“

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